Die italienische Karte sticht

11. Juli 2017

Sie bietet aus den herrschaftlichen Räumen den herrlichen Blick auf die Parknatur, während sich im Rücken diverse anmutige Figuren tummeln. Sie hat der klassizistische Bildhauer Philipp Jakob Scheffauer aus Gips und Marmor geschaffen. Die weniger Anmutigen hat Paola Campidelli mit Acryl gemalt. Ihr knallig-expressives Personal steht in spannungsvollem Gegensatz zu den antikisierten Skulpturen des Schwaben.

   Ohne Campidelli und die anderen Kreativen aus der Region Bologna und der Aalener Partnerstadt Cervia fiele allerdings das Zusammentreffen von Historie und Moderne flach. Insofern ist diese vor allem aus dem eigenen Fundus der Stiftung rekrutierte Ausstellung eine besondere Form der Arte Povera, der armen Kunst. Denn die Stiftung muss sparen. Sie leidet wie die anderen darunter, dass ihr Vermögen wegen der Zinspolitik der EZB nichts abwirft. Zum andern hängt der Ertrag aus einer Unternehmensbeteiligung von dessen Wohl und Wehe ab. Auch keine sichere Bank. Deshalb muss die Stiftung das Ökonomiegebäude für Veranstaltungen frei halten, mit denen Geld zu verdienen ist, vor allem Mieteinnahmen.

   Das muss jedoch kein Schaden sein, wie die Schau „Natura e Figura“ zeigt. Man wuchert mit den eigenen Pfunden und ermöglicht zugleich den Zugang zum ehemaligen Wohnsitz des Barons Reinhard von Koenig, dem spartanisch lebenden Junggesellen, Technik-Tüftler und Kunstmäzen. In der Summe treffen hier, wie es Aalens OB Thilo Rentschler bei der Vernissage zusammengefasst hat, Natur, Architektur, Technik, Kunst und Philosophie (in Form der großen Bibliothek) ideal zusammen.

   Kurator Hermann Schludi musste indes ziemlich tief in der Deutungs- und Erklärungsliste wühlen, um im Zeichen des aus der naturkundlichen Sammlung stammenden Hirschkopfs auf der Einladungskarte den Schaukasten mit Schmetterlingen, das Porzellanspielzeug eines Reinhard-Vorfahren, diverses Steinzeuggeschirr und Fayencen, Bronzestatuetten, barocke Still-Leben und die eigenen Pleuers und Reinigers mit den zeitgenössischen Italienern unter einen Hut zu bringen. Sein Fazit: „Ein konfrontativer Streifzug durch die Epochen.“ Ein Streifzug, bei dem man die Natur „als stetigen Impulsgeber“ wahrnehmen kann, die belebte und die unbelebte Natur mit der menschlichen Gestalt als Krönung.

   An diesem angeblichen Gipfel der Schöpfung kratzt die reichlich vertretene Marisa Zattini, indem sie auf alten Handschriften mit dem Tuschestift dionysische Frauengestalten in ein Netz von Alraunen, vulgo Nachtschattengewächse, bettet. Sie thematisiert damit den Mythos des „Galgenmännchens“, wie die Heil- (und Gift-)pflanze ebenfalls im Volksmund genannt wird. Ihre Wurzel kann einer menschlichen Gestalt ähneln. So fügen sich Figur und Pflanzengeflecht zur Alraune, in der nach Hildegard von Bingens Meinung der Teufel wohnt. Immerhin ließ sich nach der Überlieferung der frommen Heilerin aus der tückischen Pflanze ein Mittel gegen sexuelle Begehrlichkeiten gewinnen. Ihre Mitschwestern werden ihr’s gedankt haben. Auf ihren im Schloss verteilten edel-altmeisterlich wirkenden groß- und kleinformatigen Tintenstrahldruckernegativen variiert Zattini das Schriftenthema.

   Zwei Entwicklungsstufen der Landschaftsmalerei repräsentieren die „Kocher“-Ölbilder des bedeutenden schwäbischen Impressionisten Otto Reiniger und die atmosphärischen Acrylbilder von Paola Campidelli mit ihren satten Grün- und Blautönen, zu denen sie sich vom Fachsenfelder Schlosspark inspirieren ließ. Der Geist der realen Landschaft weht quasi durchs Fenster herein. Während Reiniger und Campidelli in ihrer Auffassung gar nicht weit auseinander sind, klaffen zwischen dem realistischen Aquarell des Schlosses von Carl von Ebersberg und der geometrisch orientierten, verwaschen-pastosen Farbfeldmalerei von Giovanni Fabri („Sospensione nel sogno“) Welten.

     Zurück zur Arte Povera. Im Speisezimmer versucht eine Natur-Installation aus Grünzeug, Erde, Moos und Rinden (also einfachen, „armen“ Mitteln) nochmals die Spannung zu Zattinis mysstisch-verspielten Zeichnungen und Fabris unaufgeregter Malerei aufzubauen. Und unterstreicht damit den entscheidenden Wert der Künstlerinnen und Künstler aus dem Land, wo die Zitronen blühen, für das Funktionieren dieser Sommerausstellung. Wir wollen gerecht sein. Am Rande des Blumenrondells im Innenhof reifen am Zitronenbaum ebenfalls die Früchte.

   Sollte den Vernissagegästen etwas spanisch vorgekommen sein, dann waren es Moschkowskis „Tänze“. Beflügelt von den flinken Fingern der Pianistinnen Vitaliya und Katharina, wirbelten sie voll Esprit in die Ohren.

 

Wolfgang Nußbaumer  

 

Info: Die Ausstellung „Natura e Figura“ auf Schloss Fachsenfeld dauert bis 29. Oktober; geöffnet Samstag von 13 bis 17 Uhr und Sonntag von 11 bis 17 Uhr.

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