Der „Täter“ Erwin Rommel

16. Okt. 2019

    Soll man in Aalen eine nach dem Generalfeldmarschall Erwin Rommel benannte Straße umbenennen oder nicht? Diese Frage um den Umgang mit dem in Aalen geborenen Wehrmachtsgeneral bewegt nicht nur Bürgerinnen und Bürger der Stadt, sie war auch Anlass für den Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ zusammen mit weiteren Organisationen den früheren Entwicklungshelfer und Leiter der Deutschen Schule in Tripolis, den Historiker und Sozialwissenschaftler Wolfgang Proske zu einem Vortrag in das evangelische Gemeindehaus einzuladen. Hausherr Pfarrer Richter hatte zuvor die zahlreichen Gäste begrüßt. 

    War Hitlers „Lieblingsgeneral“, den er in Afrika, Norditalien und zuletzt in Frankreich eingesetzt hat, ein „Kriegsverbrecher“ oder nur ein „Täter“? Für letztere Lesart hat sich Proske, der Herausgeber und Autor der Buchreihe „Täter Helfer Trittbrettfahrer“ ist, entschieden; nicht zuletzt um juristische Abwägungen zu vermeiden. Unterm Strich spricht nach seiner Schilderung von Rommels militärischem Vorgehen viel für die erste Einschätzung. Daran ändert für den Experten auch der sogenannte Freitod des Generals nicht, dem die Nazi-Nomenklatura keine andere Wahl gelassen hat.

      Stellvertretend für sein Auditorium fragt sich Proske, welche Auswirkungen der in Osteuropa praktizierte Vernichtungsfeldzug für die Kriegführung der Wehrmacht in Nordafrika gehabt, und wie das Zusammenspiel zwischen Truppe, SS, SD und deutscher Diplomatie funktioniert hat. Er bringt es mit der Feststellung eines Nazi-Politikers auf den Punkt: „Nordafrika ist ein Teil Europas.“ Dem entsprechend verhalten sich die Deutschen. Hinter dem Afrikakorps steht der SS-Bluthund Walther Rauff mit seiner Mörderbande bereit, um die jüdische Bevölkerung zu liquidieren. Interessant, dass Rauff nach dem Krieg von 1958 bis 1962 für den Bundesnachrichtendienst (BND) tätig gewesen ist. Wie etliche andere Nazigrößen ist er nach Südamerika geflüchtet, wo er 1984 in Chile gestorben ist. In diesem zeitlichen Zusammenhang muss man das 1961 in Heidenheim für Erwin Rommel errichtete Denkmal sehen. Eine richtige Aufarbeitung der deutschen Nazivergangenheit hat erst Mitte der Siebzigerjahre begonnen. 

     Seinen „loyalsten Soldaten“ hat Hitler zum Generalfeldmarschall befördert, als dieser mit seinem Korps in der Schlacht von El Alamein die Tür zum Nahen Osten aufstoßen sollte. Damit wäre Erwin Rommel Oberbefehlshaber in Ägypten gewesen. Der von Propagandaminister Joseph Goebbels zum Idol hochstilisierte „Wüstenfuchs“ unterlag jedoch den Briten und zog sich mit den Resten seiner Heeresgruppe nach Tunis zurück. Als Oberbefehlshaber in Norditalien war er dann eindeutig für die durch die Wehrmacht an der Zivilbevölkerung verübten Massaker verantwortlich, wie Proske belegt. 

     Zwar steht die Bundeswehr dezidiert nicht auf den Schultern der einstigen deutschen Truppen; dennoch sind bis heute noch sieben Kasernen nach Nazigrößen wie Rommel benannt. Für Wolfgang Proske ist es eine Frage der Zeit, bis sie andere Namen erhalten. Denn mit ihnen ist keine Traditionspflege möglich, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist. 

     Hat Hitlers Vorzeigesoldat ein Denkmal als Sympathisant des Widerstands und als Vorbild für die Bundeswehr verdient? Darauf antwortet der Historiker mit einem klaren „Nein“. „Irgendein aktives widerständisches Verhalten“ kann Rommel bis heute nach Quellenlage nicht bescheinigt werden. 

     Auf „Rommels explosives Erbe“ hat bei der Veranstaltung noch der Heidenheimer Kommunikationsdesigner Rainer Jooß hingewiesen. Über 17 Millionen Minen liegen nach wie vor im Nordwesten Ägyptens vergraben und fordern bis heute Menschenleben und Schwerverletzte. Deshalb setzt er sich dafür ein, die von ihm entworfene schwarze Figur eines Krüppels, die wie ein Schatten aus der Vergangenheit aussieht, der in der Gegenwart mahnt, mit dem Rommeldenkmal zu kombinieren. Ob der Heidenheimer Gemeinderat zustimmen würde? Jooß weiß, dass er dicke Bretter bohren muss.

 

Wolfgang Nußbaumer  

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}
>