Der Steineflüsterer

11. März 2026

    Bevor er sein eigenes Studio eröffnet hat, ist er in der Modefotografie unterwegs gewesen. Hat mit viel Gespür im Auftrag von Triumph International abgelichtet, was für Frauen den Alltag schöner macht. Irgendwann hatte er dann keine Lust mehr, leicht bekleidete Models attraktiv in Szene zu setzen. Warum der Außenwirkung frönen, wenn der Blick auf das Innere, das sich nach außen wendet, so viel mehr Befriedigung verspricht. Wie im Porträt. Allerdings nicht im Keep-smiling-Modus sondern authentisch. Echte Gesichter, geprägt von den Spuren des Lebens.

    Diesen Weg hat der Fotografenmeister weiter verfolgt, hinein in die Welt der Dinge. Gelandet ist er im Komposthaufen und im Steinbruch. Hier die welken Blätter, dort die harten Brocken. Damit er aus diesem Material die „Schönheit des Alltags“ destillieren konnte, musste er sich jedoch zuerst aus dem Korsett der fotografischen Regelhaftigkeit befreien. Musste den Homo ludens, den spielenden Menschen, in sich entdecken. Die kindliche Freude, die es macht, mit verschiedenfarbigen Taschenlampen einen gesichtslosen Stein in ein buntes Unikat zu verwandeln.

    „Das Schöne muss man auch sehen wollen“ steht auf einem der kleinen Schilder, mit denen er seine Ausstellung in der Museumsgalerie Wasseralfingen begleitet. Es ist sein Mantra, das in jedem Exponat aufscheint. Aufnahmen, die sich zu einer Poetik des Sehens addieren. In der Summe ist es pure Poesie, die einen in den lichten Ausstellungsräumen umfängt. Lieder und Melodien kommen einem in den Sinn. „Les Feuilles mortes“, die welken Blätter, beim Anblick der durch die Kunst der Ausleuchtung geadelten Objekte. Wo die Blätter sind, die der Wind von den Ästen gefegt hat, dürfen die Bäume nicht fehlen. Auch sie hat der Fotograf im Dunkel der Nacht mit genau dosiertem Lampenlicht zu einem mystischen visuellen Erlebnis gemacht.

 

IMG_0284.jpeg

    Sieht man die farbigen Steine auf manchen Arbeiten wie Monolithen aus der Tiefe des Alls auftauchen, meint man als Begleitmusik „Also sprach Zarathustra“ wie in Stanley Kubricks „Odyssee im Weltraum“ zu hören. „Durch Licht werden Steine zum Leben erweckt“, erläutert Habermanns Text. Um diesen Schöpfungsakt zu leisten, muss der Fotograf mit mehreren Taschenlampen in einer Hand operieren, um das gewünschte – und erhoffte – Farbenspiel zu erzielen. Im Grunde eine simple Technik, die jedoch zu faszinierenden raumbildenden Resultaten führt. Habermanns Steine sind keine des Anstoßes; statt dessen stoßen sie einen dazu an, die Fantasie schweifen zu lassen, abzutauchen in einen Kosmos der Gefühle und raunender Geschichten, wie sie nur Steine erzählen können. 

    „Nächtliche Impressionen von Wasseralfingen und Umgebung“ erwarten die Besucherinnen und Besucher im Plock-Saal. Eine Reverenz an sein Publikum vor Ort mit seinem versierten Spiel von Licht und Schatten im zielgenau fokussierten Motiv. Ein letztes Mal kommt dem Betrachter angesichts der Trias „Vergänglichkeit“ mit Friedhofmotiven eine Melodie in den Sinn. Bob Dylans „Tombstone Blues“, sein Grabstein-Blues. Ein innerer Zusammenhang lässt sich in diesem Falle jedoch auf keinen Fall herstellen.

   Info: Die Ausstellung ist bis 17. Mai Freitag, Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr zu sehen (außer Karfreitag). 

 

Wolfgang Nußbaumer

(11.03.2026) 

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}
>