Der Preis der Gerechtigkeit

30. Sep. 2020

   Kongenial deshalb, weil er mit seinen Protagonisten und dem Bühnenbildner Florian Etti Partner hat, die auf der Höhe seiner Idee mitspielen. Allein schon wie Evgenia Dodina mit lapidarer Ironie die Geschichte ihrer jüdischen Familie erzählt lohnt den Besuch.

   Darin Ferdinand von Schirach ähnlich, stellt Kosminski die kleinbürgerliche Gesinnung auf den Prüfstand. Wobei von vornherein klar ist, wie diese Prüfung, in der Bürgermeister (Sven Prietz), Lehrer (Marco Massafra), Pfarrerin (Gabriele Hintermaier) und Polizist (Felix Strobel) zu Richtern werden, ausgehen wird. Weil sie ihren Preis haben, für den sie das Undenkbare tun. Claire Zachanassian weiß, lakonisch und ohne spürbare Bitterkeit in Dodinas fesselnd unterkühltem Spiel: „Die Welt hat mich zur Hure gemacht. Nun mache ich sie zum Bordell!“

   Zu Beginn versammeln sich die braven Bürger noch vorne an der Rampe und winken mit Deutschlandfähnchen ins Publikum. Dem wird damit gleich deutlich gemacht, dass Güllingen gleich um die Ecke liegt. Der Ort, der sie 20 Jahre zuvor anno 1940 zur „Hure“ gemacht hat. Weil sie von Alfred Ill ein Kind bekommt, der aber die Liaison leugnet und dazu noch zwei falsche Zeugen besticht. Mit Schimpf und Schande wird sie, die da noch Klara Goldberg hieß – die Jüdin – aus dem Städtchen gejagt.

   Bei Kosminski, der den virulenten Antisemitismus als Subtext spüren lässt, kehrt sie nicht als altes körperliches Wrack zurück. Sie strotzt vor mentaler und auch körperlicher Kraft. Kein Wunder, dass ihr einstiger Liebhaber Ill, der ebenfalls zum Empfang der einst Vertriebenen mit dem Fähnchen winkt, bei deren Anblick ganz große Augen macht. Anscheinend hat er schlagartig alles vergessen, was er einst verschuldet hat. Evgenia Dodinas Claire indes nicht. Sie fordert seinen Kopf. Ganz nonchalant in ihrem rauen Deutsch, das sie extra für diese Rolle noch gelernt hat. Dafür spendiert sie dem verarmten Güllingen eine Milliarde Mark.

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Alfred Ill (Matthias Leja) winkt aus dem Grab, das er sich geschaufelt hat.

 

    Das sorgt beim Bürgermeister neben moralischer Entrüstung für Schnappatmung. Dem folgenden Geldregen, der vom Bühnenhimmel flattert, kann er jedoch ebenso wenig widerstehen wie die anderen feinen Leute. Und in dem Maße, wie der Mammon die Charaktere vergiftet, selbst den des humanistisch gebildeten Lehrers, vereinsamt Alfred Ill. Matthias Leja gibt dessen Wandlungsprozess vom selbstgefälligen Händler zum einsichtigen Sünder fesselnde Gestalt.

   Der Stadtrat beschließt seinen Tod; doch wer soll das Urteil vollstrecken? Am besten der Verurteilte selbst. Während der sein Grab schaufelt, verschmäht er das Gewehr, das ihm der Bürgermeister heuchlerisch schleimend andient. Korrumpiert vom Geld bis ins Mark, sollen sich die Honoratioren die Hände selbst schmutzig machen.

   Claire Zachanassian kann sich auf diese Klientel und deren Interpretation von Gerechtigkeit verlassen. Sie steinigen Ill. Und zum Beweis des Vollzugs zeigt ihr der Bürgermeister seine blutigen Hände. Die Welt gerät förmlich aus den Fugen. Die so massiv wirkenden weißen Bühnenschals geraten aus dem Lot. Claire wirft eine Handvoll Erde ins Grab des Mannes, den sie immer noch liebt. Ein letzter Gruß. Dann geht sie auf der Drehbühne am schwarzen Flügel vorbei, auf dem sie zuvor noch „The Shade of  the Palm Tree“ intoniert hat, ins Dunkel. „Wie groß ist die Dunkelheit und die Ruhe, die uns umgibt“, lautet eine Zeile des Liedes. Welch hellsichtiger Abgang in brüchiger Zeit.

   Info: Weitere Aufführungen sind Do., (01.10.), Fr., (jeweils 19.30 Uhr) und Sa (16.30 u. 19.30 Uhr); ferner Mo/Di/Mi nächste Woche. Restkarten gibt es nur noch an der Abendkasse; www.schauspiel-stuttgart.de

Wolfgang Nußbaumer    

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