Der Mann, der Kante zeigt

07. Nov. 2018

    Zwar wäre der Bildhauer, Holzschneider und Kunsterzieher Helmut Esdar im vergangenen Oktober 110 Jahre alt geworden; doch die Stadt Ellwangen mochte für den Künstler, der 1939 an das Peutinger-Gymnasium gekommen war, nicht eine weitere Gedenkausstellung ausrichten. Für die Ausstellung, die kommenden Freitag im Palais Adelmann eröffnet wird, „ist der Nachlass der Anlass“. 

    Warum, hat deren Kurator  Bernhard Maier mit der Fülle der Werke aus dem fast 50-jährigen Schaffen Esdars erklärt, die bei der Sichtung zutage gekommen sind. Wer meint, er kenne die Arbeiten des kantigen Mannes mit der geradlinigen, reduzierten Formensprache, wird sich die Augen reiben. Die gängige Erwartungshaltung wird zwar nicht enttäuscht; doch treten diese durch den Gegensatz der exakt begrenzten schwarzen und weißen Flächen charakterisierten markanten Drucke und deren Druckstöcke als eigenständige Objekte trotz ihrer Dominanz in den Hintergrund der Wahrnehmung. 

      Was richtig fesselt, ist der retrospektive Charakter der Schau. Sie zeigt auch die bei anderen Künstlern seiner Generation zu beobachtende Entwicklung von der realistischen Darstellung hin zur Abstraktion. Auf einem großformatigen Holzschnitt vom Beginn der Dreißigerjahre sieht man ihn mit seiner Großmutter; eines seiner Lieblingsmotive, Pferde mit und ohne Reiter, taucht bereits auf. Tiefberührend ein Holzrelief, das (in meiner Interpretation) einen jungen Mann zeigt, der seine tote Mutter im Arm hält – ein umgekehrtes Pieta-Motiv in bester Kollwitz-Tradition.

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      „Meine größten Vorbilder sind schon lange Bergkristalle in ihrem Adel, ihrer Strenge und ihrer gesetzmäßigen Form…“, hat Bernhard Maier bei einer Führung gestern durch die im Aufbau befindliche Ausstellung Esdar zitiert. Folgerichtig hat sich der Freund früher ägyptischer und assyrischer Plastiken, in denen sich eben diese Kriterien wiederfinden, zielstrebig vom Realismus entfernt. Obschon seine auf dem Grat zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion balancierenden Monographien mit ihrem leichten, malerischen Duktus noch einen gewinnenden Charme haben. Den findet man auch auf den zarten Linolschnitten und einigen Aktzeichnungen.

   Der späte, reife Esdar hat damit jedoch nichts mehr am Hut. Er hat seine perfekt in sich ruhenden Gestalten aus hartem Eichenholz und noch widerständigerem Stein herausgehauen, wie die Plastik, die heute noch vor dem Peutinger-Gymnasium an den einstigen Lehrer erinnert. Stahl hat er sich ebenfalls dienstbar gemacht. „Viel Fantasie in Blech“, kommentiert der Kurator durchaus respektvoll die gebogenen und gefalteten kleinen und großen Objekte.

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    Ergänzt wird die Ausstellung durch ein seltenes Tondokument – ein Interview, das der Ellwanger Journalist und langjährige Pressesprecher des Landtags von Baden-Württemberg, Quintus Scheble, 1978 mit Helmut Esdar geführt hat. 

   Info: Die Ausstellung „Helmut Esdar. Der Künstler und sein Werk“, wird am Freitag, 9. November, 19.30 Uhr, mit einer Einführung durch Dr. Manfred Saller eröffnet. – Am Mittwoch, 21. November, 19.30 Uhr, findet im Atelier Knoedler im Schloss ob Ellwangen eine Podiumsdiskussion zum Thema „Ver- oder entsorgen – der Künstlernachlass als Problem“ mit Dr. Anselm Grupp, Wolfgang Nußbaumer M.A., Clemens Ottnad und Dr. Manfred Saller statt.

  

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