Bei den „Jazz Lights“ hat der Brite mit der Punkfrisur sein Publikum in der Carl Zeiss Kulturkantine auf eine hinreißende musikalische Reise mitgenommen.
Mit seinem Mundwerk ist der Stargeiger so gut wie auf seinen Instrumenten. Weil sein Deutsch jedoch „kaputt“ sei, erzählt er in der Folge die Storys zu den Titeln in seiner Muttersprache. Und freut sich riesig, wenn ihm ein Gag gelingt. „Brekshit“ lästert er über den Rückzug des Vereinigten Königreichs aus der EU. Freudig reckt er auch die Faust nach Soli seiner drei Kumpels auf der Bühne.
Bei allem herzlichen Miteinander bleibt jedoch eines klar: Chef im Ring ist Nigel Kennedy. Was der vielfach ausgezeichnete Violinist auf seiner Guarneri und der elektrischen Geige abliefert, ist schlicht atemberaubend. Doppelgriffe, Pizzikati, dazu fliegt und sägt der Bogen je nach Bedarf – wahrlich schwindelerregend. Richtig attackiert der Mann von der Insel die Ohren auf der elektrischen Violine. Zum programmierten Loop lässt er seine Variationen aufheulen, erweist Komponistenkollegen wie Krzysztof Komeda und dem Japaner Sakamoto seine Reverenz und – in aller Bescheidenheit – auch sich selbst mit einer Eigenkomposition. Sie beginnt als anmutige Pop-Ballade, bevor er auf seiner E-Geige das Schwermetall auspackt – tonnenweise.
Im Geschwindschritt bewegt sich das Quartett zwischen ätherischer Melodik, brachialem Freejazz und rockigem Heavymetal. Bassist Piotr Kulakowski schnallt sich die Gitarre vor den Bauch, Drummer Slawomir Berny kann endlich richtig zuschlagen und Gitarrist Rolf Bussalb sein Gerät wummern und jaulen lassen. Einer wie Kennedy darf dann den Johann Sebastian Bach in die arabische Wüste schicken und mit Vivaldi punkten, ein kapriziöses Klangerlebnis par excellence. Gleiches Resultat ergeben die kleinen Nachspiel-Wettbewerbe, die sich der Geiger mit dem anderen Saitenstar liefert. Klar, wer am Ende gewinnt. „Yeah“ meint der Fiedler zufrieden.
Zwischendurch setzt er sich an den Flügel und entwickelt aus einzelnen Tönen, ostinaten Akkorden und Melodieschnipseln ein musikalisches Gerüst, das seine drei Begleiter ausfüllen. Mit den beiden Gitarristen zusammen vergnügt er sich noch mit einem Happen Gipsy Jazz, bevor der lange Abend der musikalischen Grenzüberschreitungen zu Ende geht. Mit einem saftig satten Rausschmeißer von Jimi Hendrix auf der E-Geige. Dann verlässt auch Nigel Kennedy den Saal, während er auf seiner Guarneri voll zärtlicher Intonation den „Danny Boy“ zu Klang werden lässt.
Wolfgang Nußbaumer
(26.03.2023)
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