Zwölf Jahre hat Horst Solfs in der Gießerei der Firma Voith in Heidenheim gearbeitet. Dort hat der in Freiburg im Breisgau lebende Künstler später auch seine eigenen Arbeiten gegossen. Ein Jahr hat er dafür experimentiert. In der Landeserstaufnahmestelle (LEA) in Ellwangen/Jagst wird der gelernte Grafiker jedoch großformatige Malerei und eine Bodeninstallation zeigen.
Zeigen? Nein, das will der 77-Jährige gerade nicht. „Ich wollte keine Kunstausstellung machen“, betont er. „Friedensfest“ nennt er die Veranstaltung, die am Freitag, 29. Juni, um 17.30 Uhr beginnt, analog zu einem Gedicht des großen schwäbischen Poeten Friedrich Hölderlin. Mit ihr will er an die Verabschiedung der 30 Artikel umfassenden Charta der Menschenrechte durch die UN-Vollversammlung vor 70 Jahren erinnern. Diese legt fest, dass Menschenrechte überall (allgemeingültig) für alle Menschen (gleichberechtigt) und in ihrer Gesamtheit (unteilbar, das heißt ein Gesetz bedingt meist das andere) gültig sind. Es sind die Rechte, die man hat, weil man ein Mensch ist.
Diese Artikel wird er zu Papier bringen und auf dem Boden der Halle 101 neben einem Gerüst auslegen, das die ebenfalls 30 Ölbilder tragen wird, die er zu diesem Fest malt. Wer diese Texte zum Verbot von Folter und Sklaverei, vom Recht auf freie Meinungsäußerung und das Wahlrecht, von den Rechten auf Arbeit, Bildung und Erholung, um nur einige zu nennen, lesen will, muss über sie hinweg gehen. Für Solfs ein symbolischer Akt, „weil diese Artikel eine Grundlage, eine Basis, ein Fundament sind für unser Leben; es zeigt aber eben auch, dass wir diese Errungenschaft gewissermaßen mit Füßen treten“.

Horst Solf und LEA-Leiter Berthold Weiß vor dem Modell der Friedensfeier-Installation.
Die Halle 101 hat über viele Monate rund 300 Geflüchteten als Notunterkunft gedient. Im Spätsommer 2015 hatten als Folge der Bürgerkriege in Syrien, Irak und Afghanistan rund 900 000 Menschen Zuflucht in Deutschland gesucht. Fast 5000 Geflüchtete und Migranten lebten Ende jenes Jahres in der LEA, erinnert sich deren Leiter Berthold Weiß. Horst Solfs erfuhr wie viele andere Leute hierzulande an seinem künstlerischen Arbeitsplatz im benachbarten Heidenheim über die Medien von diesem menschlichen Tsunami, den rohe Gewalt und Verfolgung ausgelöst hatten.
Schon zu dieser Zeit hatte er sich mit der Menschenrechtscharta befasst und einem Projekt, sie zu thematisieren. Wenn nicht hier in der LEA, wo dann überhaupt. Sein Entschluss stand sofort fest. Seine Anfrage an das zuständige Regierungspräsidium Stuttgart verlangte ihm indes viel Geduld ab. Deshalb erinnert er sich sehr genau an den Zeitpunkt, an dem die telefonische Zusage bei ihm eintraf. Es war um 17.17 Uhr am 24. Juli 2017. Er konnte die selbstgestellte Aufgabe in der Halle 101 in Angriff nehmen. Solf sagt dazu: „Ich habe Respekt vor diesem Raum, denn genau hier nehmen die 30 Artikel der Menschenrechtserklärung Gestalt an.“ Er war zu dieser Zeit im wahrsten Sinne des Wortes eine Not-Unterkunft.
Der gebürtige Schlesier hat seine Kunst nie als Selbstzweck betrachtet, geschweige denn als Alleinstellungsmerkmal im Sinne einer eigenen Handschrift. Stilistische Festlegung ist ihm insofern egal, als es um die adäquate Umsetzung einer Botschaft geht. Und so macht Horst Solfs, was des Künstlers erste Pflicht ist. Er mischt sich ein. Ihn haben immer politische Situationen interessiert. Vor allem der Krieg ist in seinem Werk ein immer wiederkehrendes Thema. Krieg als Abwesenheit von Frieden. Der ihm so wichtig ist.

Auf diesem bedrückenden Ölgremälde endet der Vogelflug an einer unüberwindlichen Mauer.
Von Schocktherapie zur Verkündigung seines Credos hält er jedoch nichts. Statt zerstörte Leiber wirkungsvoll in Szene zu setzen, lässt er Vögel fliegen. Seine Botschafter der Freiheit stoßen jedoch permanent gegen Grenzen, fliehen vor nach ihnen zielenden Stacheln und düster drohenden Wolken. Er konfrontiert mit kraftvollem malerischem Impetus und einer weit gespannten Farbpalette das Dunkel und das Helle, wobei das Licht als Vision aufscheint. Sie Wirklichkeit werden zu lassen, ist seine ganz persönliche Vision. In einem Bild hat er sie ausgemalt, in satten, bunten, fröhlichen Farben. Der skeptische Blick auf die Welt und ihre realen Zustände trifft auf die Hoffnung, die bekanntlich zuletzt stirbt.
Für Horst Solf war Kunst schon immer ein Medium der Begegnung und der Konfrontation. Der Gedanke „Entstehen von Neuem durch Begegnung“ ist zu seinem Lebensmotto geworden. „Begegnung, interkulturell und zwischenmenschlich, lässt einen sich selbst im andern erkennen und den anderen in einem selbst“, formuliert die Kunsthistorikerin Vivien Sigmund in ihrem Beitrag zur Projektbeschreibung dessen Quintessenz. Deshalb ist es ihm so wichtig, dass das Friedensfest in der Halle 101 der LEA nicht zuletzt ein Fest der Begegnung wird. Zwischen jungen und älteren Menschen, mit unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Bildung. Schülerinnen und Schüler Ellwanger Schulen werden in Schrift und gesprochenem Wort vortragen, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Sie werden damit zum wesentlichen Teil dieses Festes, mit dem 70 Jahre Menschenrechte und 73 Jahre Leben in Frieden – zumindest in Mitteleuropa – gefeiert werden.
Wolfgang Nußbaumer
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