Ein Hoch auf die Azoren Empfehlung

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Ein Blick vom Aussichtspunkt "Vista do Rei" auf die Zwillingsseen Lagoa Azul und Lagoa Verde in dem zwölf Kilometer großen Krater im Westen der Insel. Ein Blick vom Aussichtspunkt "Vista do Rei" auf die Zwillingsseen Lagoa Azul und Lagoa Verde in dem zwölf Kilometer großen Krater im Westen der Insel. Fotos: -uss

Vom Dach der Keramikfabrik in Lagoa auf der Hauptinsel San Miguel äugt ein Bussard auf die Besucherinnen und Besucher herab. Sie lassen ihn kalt.

   Wegfliegen kann er sowieso nicht – als keramisches Wunderwerk. Eigentlich handelt es sich ja um einen Habicht. Zum Glück war die Gruppe um den Adeligen Diogo de Silves, der vor 591 Jahren offiziell die Inselgruppe für die portugiesische Krone in Besitz genommen hat, ohne Vogelkundler unterwegs. Sonst würde das vulkanische Archipel nicht Azoren heißen; es wäre auf einen ziemlich sperrigen Namen getauft worden. Schlecht geeignet, um ein Hoch zu benennen, auf das sich die Festlandeuropäer so freuen. Glücklicherweise haben die Portugiesen die zahlreichen Bussarde mit deren Verwandtschaft verwechselt. 

    Diese Verwechslung gibt einem indes ebenso zu denken, wie vieles andere auf diesem pittoresken Vulkangestein. Eigentlich war auf den Inseln an Tieren nichts heimisch außer Fledermäusen und einer seltenen Gimpelart, die nur im Osten der Hauptinsel San Diego vorkommt. Nur hier findet er, was ihm am besten schmeckt. Orangenblüten und Heidelbeeren. Der Priolo (Domherr). Im Unterschied zu ihrem mitteleuropäischen Verwandten, dem Dompfaff, tragen Männlein und Weiblein des spatzengroßen Vogels einheitlich ein graues Federkleid.

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Der Bussard, den die portugiesischen Eroberer für einen Habicht hielten. Zum Glück. Sonst gäbe es den Namen Azoren nicht.

 

    Ihre Vorliebe für die Südfrucht hätten die Tiere übrigens fast mit dem finalen Garaus bezahlt. Die Orangenbarone, die im 17. und 18. Jahrhundert auf der Insel das Sagen hatten, räumten die Konkurrenz aus dem Weg, wo immer sie ihrer habhaft wurden. Ihr Glück war, dass die Orangen von einem Pilz befallen wurden. Das Ende der Apfelsinenplantagen bedeutete den Beginn des Ananasbooms, der bis heute anhält. Dazu später mehr.

   Sollte man beim Wandern an der Küste seltsame Geräusche hören und möwengroße Vögel bei kühnen Flugmanövern sehen, handelt es sich um den scharenweise an der Küste herumzischenden Gelbschnabelsturmtaucher. Der gesellige Flattermann äußert sich mit einem eigenartigen Ruf, der wie „Aua aua“ klingt. Böse Zungen behaupten, es handle sich um einen Schmerzensschrei, weil das dumme Tier immer gegen die Felsen donnere.

    Diese Erklärung muss man in Zweifel ziehen. Die zu über 90 Prozent römisch-katholischen Azoreaner sind zu bestimmt 99,9 Prozent freundliche Menschen mit einem ausgeprägten Entschleunigungs-Gen. Trotzdem wohnen einige in kostenlosen Unterkünften in bester Lage mit unmittelbarem Meerblick im Osten von Ponta Delgada. Nur können sie nicht hinaus. Wegen der von Stacheldraht gekrönten Mauern  rund um ihr Domizil. Voll belegt ist das Gefängnis, erfahren wir, alles Einheimische. Schlingel gibt’s überall. Sie müssen wohl oder übel eine Zeitlang  auf ihre Lieblingsbeschäftigung verzichten - Feiern aller Art.

    Vorzugsweise religiöse Feste und Sakramente. Jedes Dorf hat seinen eigenen Heiligen. Daneben geben Geburten nebst Taufe, Hochzeiten, Beerdigungen und ganz gewöhnliche Familienfeste wie Geburtstage ausreichend Gelegenheit, sich zu treffen. Man könnte auch sagen, Gelegenheit zum Grillen. Robert Hoge, ein über lexikalisches Wissen verfügender charmanter Reiseleiter aus Österreich, der wegen einer Schönen von den Azoren seinen gut dotierten Job als Nachrichtentechniker aufgegeben hat, erzählt, wie er in den ersten beiden Jahren kaum etwas von den Inseln gesehen hat, weil er von Fest zu Fest weitergereicht worden sei. Die Selbstmordrate gehe gegen Null, erwähnt er beiläufig. Wen wundert’s.

     Die Menschen auf den Azoren bilden wahrlich ein geselliges Völkchen. Picknick macht nur im Großfamilienverbund richtig Laune. Deshalb sorgen die Gemeinden nicht nur dafür, dass in der wunderschönen Landschaft ausreichend traumhafte Picknickhaine zur Verfügung stehen; sie stellen auch das Brennholz bereit. Neben den großen Grillrosten stehen Tonnen, gelb, grün und blau. Zur sachgemäßen Entsorgung des entstandenen Mülls. 

    Der Gast aus Deutschland, der sich am Tag zuvor auf der Fahrt zum Flughafen noch über die rücksichtslos weggeworfene Abfalltüte am Straßenrand geärgert hat, staunt über die blitzblanken Plätze ohne ein Fitzelchen herumliegendes Papier. Die Einheimischen wissen, was sie sich und ihrer an einen Garten Eden erinnernden Heimat schuldig sind. Selbst in den Straßen der wenigen Städte wie Ponta Delgada auf San Miguel sind dauernd Arbeiter mit Besen, Schaufel und Eimer unterwegs, um die letzten Reste von Unrat zu beseitigen. Da verwundert es einen nicht, dass die üppige Flora der Böschungen selbst im zerklüfteten Nordosten an abgelegenen und sich durch Schluchten windenden Straßen einen gepflegten Eindruck macht.

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Das Juwel eines Parks: der private aber öffentlich zugängliche Terra Nostra Garden in Furnas.

 

    Man findet auf den Inseln 56 Pflanzenarten, die sonst nirgendwo auf der Welt vorkommen. Viele andere, die wir in Haus und Garten hegen und pflegen, blühen und sprießen hier in freier Natur. Das imposante Blumenrohr (Canna) mit seiner Blütenpracht, die nicht minder schönen Montbretien, Hibiskus, Rhododendren, Hortensien, Azaleen, Rosen und Kamelien und vieles mehr sorgen als Importe für ein  florales Farbenfeuerwerk. Die Bauern nützen den Segen der Natur und hindern ihre zahlreichen Rinder, die das ganze Jahr draußen weiden, statt mit Elektrozäunen mit Hortensienhecken daran, auszubüxen.

    Die Mutter aller Gummibäume erwartet einen in dem herrlichen Stadtpark Jardim António Borges, in dessen pflanzlicher Vielfalt die gesamte Inselflora fokussiert scheint. Weit streckt der Baumriese seine gewaltigen Wurzeln aus. Zwischen ihnen wird der Mensch auf seine wahre Größe zurechtgestutzt. Neben schierer Freude und fassungslosem Staunen beschleichen  einen Demut und Scham. Darüber, wie gleichgültig in vielen Industrienationen mit der verletzlichen Natur umgegangen wird.

    Robert Hoge winkt ab. Dass die Milchwirtschaft im Export die wichtigste Rolle spiele, sei nicht zuletzt der Tatsache riesiger Rodungen geschuldet, um Weideland zu gewinnen. Über 900 Millionen Liter Milch produzieren die Kühe. Gemolken werden sie an mobilen Stationen. Der größte Teil wird in flüssiger und in Pulverform in die Schweiz (!) und nach China exportiert; der Rest zu schmackhaftem Käse – oder einem der zahlreichen Liköre verarbeitet. Vor allem die US-Amerikaner mögen das süße Gesöff mit dem milchigen Geschmack einer alkoholisierten Mutterbrust.

    Die Rinder selbst landen neben Geflügel auf dem Grill oder im Kochtopf. Die Azoreaner mögen’s herzhaft und fleischig zum Gemüse. Fisch gehört ohnehin auf den Tisch. Rustikal und einfach ist die Küche, gut gekräutert – und in der Regel von unkompliziertem Wein (von den Inseln und vom Festland) und Wasser begleitet. Wer in eine Wirtschaft, sprich Restaurant, zum Essen geht, speist dort bestimmt nicht alleine; zumal die Preise aus Sicht der Urlauber ohnehin günstig sind.

    Anders sieht es für die große Mehrzahl der Einheimischen aus, die sich dennoch gerne eine gesellige Tafelrunde gönnen. Das Lohnniveau liegt niedrig, rund 30 Prozent der Jugendlichen sind arbeitslos. Vermögend sind die Nachfahren der einstigen Großgrundbesitzer, Orangen- und Ananasbarone und die Rückkehrer aus Kanada und den USA. Über eine Million Menschen hat die Inseln im Atlantik verlassen, um in der Neuen Welt ihr Glück zu machen – und wenn möglich die armen Verwandten in der alten Heimat zu alimentieren. Beide wohlhabende Gruppen erkennt man vor allem an den mit großen Fenstern belichteten Villen und modernen Wohnhäusern mit ebenfalls viel Glas und Flachdächern. 

    Auch wer keine Sorgen hat, hat hier Likör

   Einer von ihnen betreibt in Ribeira Grande an der Nordküste eine Likörfabrik. Die Verkostung der großzügig ausgeschenkten zahlreichen Sorten mit unterschiedlichem Alkoholgehalt erweist sich als große Herausforderung. Am Ende gewinnt für die Mehrzahl der deutschen Besucher der Maracuja-Brandy. Sie stellen nach den Festland-Portugiesen die zweitstärkste Gruppe in der Tourismusbilanz. Das freut die Azoreaner, die verstärkt auf Feriengäste von außerhalb der Inselgruppe setzen. 

   Mit guten Gründen. Neben blühender Landschaft und Likör hat die Etappe zwischen der alten und der neuen Welt noch viel zu bieten. Tee- und Tabakplantagen und eine ganz besondere Ananas. Sie ist kleiner als ihre lateinamerikanische Schwester, hat einen kleineren Blätterbusch und schmeckt verdammt gut. Dafür ist sie auch erheblich teurer, zumal der Anbau ziemlich kompliziert ist. Die Frucht wird in Gewächshäusern gezogen. Nach neun Monaten werden diese eingeräuchert und neun Tage lang verschlossen. Dadurch werden nicht nur die Schädlinge getötet; der Rauch wirkt gleichzeitig als Initialzündung für die Pflanzen, zu reifen. 

   Im riesigen Furnas-Vulkankrater erstreckt sich ein See, den Blaualgen vergiftet haben. Umso schmackhafter sind die Eintöpfe, die in Edelmetalltöpfen sechs Stunden bei 90 Grad Celsius garen – barfuß geht hier niemand - , bevor sie mit einem Transporter in eine große Villa gebracht werden. Dort warten bereits die Touristengruppen auf „ihren“ vorbestellten Topf. Hungrig verlässt hier niemand den Saal – auch wenn man die Blutwurst nicht mag.

     Gleich um die Ecke wartet ein weiteres der vielen Wunder, der private Terra Nostra Garden. Ein Juwel der Gartenbaukunst, in dem unter anderem Kamelien aller Art wachsen. Die grandiose Anlage mit ihren skulpturalen Bäumen und ihrer unglaublichen Pflanzenvielfalt entschleunigt einen ganz automatisch. Ein eisenhaltiger, mal nicht schwefliger, warmer See lädt zum erholsamen Bade für mehr oder weniger alte Knochen und der eine oder andere kleine Teich im Dickicht zum entspannten Ausruhen.

    Ohnehin mögen die Inselbewohner das Bad im heißen Pfühl. Wie in der tropischen Oase von Caldeira Velha unterhalb des Lagoa do Fogo, des Feuersees. Möglichst in fülliger Großfamilienstärke. Als Gast darf man sich unbeschwert dazwischen quetschen. Hier sorgt der Schwefel dafür, dass  sich niemand etwas einfängt, das krank macht. Wie im 17. Jahrhundert. Da hat die vom Rattenfloh übertragene Pest auf der Insel gewütet. Eingeschleppt hatten sie die auf den Segelschiffen als blinde Passagiere mitreisenden Ratten. In Ponta Delgada starben die Menschen wie Fliegen. Im schwefligen Furnas dagegen blieb die Welt in Ordnung. Das übel riechende Gas und die Hitze unter den Füßen hielten die Nager fern. Außerdem machte der Schwefel den Pestbakterien rasch den Garaus. In der geplagten Inselhauptstadt haben deshalb damals viele Menschen ihre Behausungen mit einer schwefligen Masse eingestrichen.  

     Oben angekommen, hat man aus etwa 800 Metern Höhe vom Kraterrand einen fantastischen Blick in die Tiefe, hinab ins Blau des Sees. Und nochmals geht's hoch hinaus; diesmal in den Westen nach Sete Cidades und dem Aussichtspunkt „Vista do Rei“. Nicht zu viel versprochen, der Ausblick über den 12 Kilometer großen Vulkankrater ist königlich. Auf dieses einmalige Panorama hatten auch die Planer eines Fünf-Sterne-Hotels Mitte der 1980er-Jahre gesetzt. Ihr Marketing-Konzept ging jedoch nicht auf. Außer Ausblick gibt’s dort nichts. Selbst Senioren wollen heute "Action". Deshalb haben die Besitzer nach wenigen Jahren den riesigen Laden zugemacht, der jetzt als Bauruine vor sich hin gammelt. Mit bester Aussicht. Dafür lohnt sich die Fahrt hinunter in den Krater zu dem grünen und dem blauen See.  

    Szenenwechsel nochmals nach Norden, in den ältesten Teil der Insel. In dessen „Hauptstadt“ Nordeste scheint die Zeit still zu stehen. Gepflegt natürlich, aber weitab vom Schuss. Ein geflügeltes Wort im Ort lautet: „Gibt’s was Neues?“. Antwort: „Da musst du aufs Festland.“

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Übermannt vom Appetit auf Tintenfisch - der Wal taucht ab.

 

    Was für ein Versäumnis. Wir waren noch nicht an Bord der „Moby Dick“.  Bei diesem Namen kann es nur um Wale gehen. Nicht zum Harpunieren, zum Schauen. Seit über 30 Jahren haben die Meeressäuger rund um die Azoren ihre Ruhe. Also hinaus mit dem rustikalen Trawler auf die hohe See. Der Kapitän verspricht, nicht umzukehren, bevor nicht ein Wal gesichtet sei. Delfine begleiten das Schiff, springen in Formation – ihr Wasserballett lockt die Fotografen. Doch gegen den Riesen, dessen brauner Rücken nach vier Stunden aus dem blauen Wasser auftaucht, sind sie kleine Fische. Geruhsam schwimmt der Buckelwal dahin, bläst die Fontäne der Atemluft in die Höhe – lässig Zeit zum Fotografieren und Filmen. Bis ihn der Appetit übermannt und er abtaucht, nicht ohne mit der Schwanzflosse freundlich Winkewinke zu machen. Das war’s; die „Moby Dick“ macht kehrt und fährt mit voller Kraft zurück nach Ponta Delgada. Das spritzt und schaukelt mächtig. Etliche Passagiere werden bleich und bleicher, wie der Bauch der Delfine, die um den „weißen Wal“ herum vergnügt Fangen spielen. In ein paar Stunden sieht die Welt schon wieder anders aus. Freundlich, friedlich, beschaulich – und in der Erinnerung grüßt eine markante Schwanzflosse. Zeit zum Abtauchen.

 

Literatur: Polyglott on tour, Azoren, Autorin Susanne Lipps

 

Wolfgang Nußbaumer  

    

             

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