So rein, so klar, so frisch Empfehlung

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Ein Klangwunder im Münster: "The Choir of Trinity College Cambridge" Ein Klangwunder im Münster: "The Choir of Trinity College Cambridge" Fotos: -uss

Dieser rote Bleistift. Als verlängerte rechte Hand von Stephen Layton sticht er immer wieder nach vorne.

   Dorthin, wo die jungen Sängerinnen und Sänger seines „Choir of Trinity College Cambridge“ stehen. Neben dem Stift gibt es nur noch einen weiteren roten Farbtupfer; die Haarpracht einer anmutigen jungen Frau in der ersten Reihe. Der Rest ist Schwarz, aber nicht Schweigen. Zum Glück. Denn die Choristen von der Insel singen so überirdisch schön, dass sogar den steinernen Säulenheiligen im Heilig-Kreuz-Münster Tränen der Verzückung in die Augen zu treten scheinen. 

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   Hatte man schon tags zuvor den estnischen Chor „Vox Clamantis“ als einzigartig empfunden, muss man das Prädikat gleich wieder verleihen. Absolut klangrein beide; nachtwandlerisch sicher selbst in den artistischsten Notationen. Und immer identifizierbar als Chor, nicht als Solistenensemble. Das fällt bei den frischen, unprätentiösen Briten von der Eliteuniversität umso mehr auf, weil sie bei ihrer Klangreise durch die englische Kathedralmusik ziemlich unorthodox auf dem Podium verteilt sind. In der letzten Reihe stehen beispielsweise hinter den Kollegen auf halber Höhe drei Sängerinnen. Dieser Kunstgriff führt zu einem komplexen Klang, der gleichzeitig traumhaft luzide in den Ohren ankommt. Und eine kurze volltönende Basskantilene in Viktor Kalinnikovs „Bogoroditse Djevo“ wie in ein Diadem fasst.

   Herrlich frisch und mit hohem Tempo steigen der mit zahlreichen Auszeichnungen geehrte Layton und seine Zöglinge in das Konzert ein. Dadurch erwacht die fünfstimmige Motette „Exsultate Deo“ des sonst eher konstruktiv-spröden Palestrina zu neuem pulsierenden Leben. Ohnehin sorgt das Ensemble, das im Ranking des „Gramaphone Magazin“ den fünften Platz unter den besten Chören weltweit belegt, permanent für erhöhten Pulsschlag. Über die alten Meister William Byrd, Thomas Tallis, Tomás Luis de Victoria und Robert Parsons arbeiten sie sich in die neue Abteilung vor. Von „arbeiten“ kann man eigentlich nicht schreiben. Weil das alles so mühelos, so selbstverständlich, so federleicht geschieht. Auswendig!

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   Nur der Cerberus Stephen Layton hat die Partitur auf dem Pult liegen. Er braucht indes weder eine Stimmgabel noch ein Klavier, damit der Chor jeweils den richtigen Ton trifft. Dafür hat er eine der Sängerinnen. Sie gibt vor jedem Stück lupenrein die benötigten Stimmen vor. Auswendig natürlich. Dass dies auch bei den modernen Tonsetzern aus den baltischen Staaten, Finnland, Russland und ihrer Heimat perfekt funktioniert, ist ein weiteres Mysterium dieses sinnreichen Festivals. Staunen kann man sich abgewöhnen; ergriffen, hingerissen, beglückt lauschen nicht. Wie bei dem beseelt harmonischen „Ave Maria“ des frühen Renaissancemeisters Robert Parsons. Ihm vergleichbar Arvo Pärts Adaption „Bogoroditse Djevo“ des orthodoxen „Ave Maria“ – Engeljauchzen im Sternennebel, schlicht und schön.

    Wer sich im harmonischen Wohlklang eher zuhause fühlt, kommt bei „O magnum mysterium“ des Finnen Jaakko Mäntyjärvi und der Chormotette „This worldes joie“ des Briten Arnold Bax noch am ehesten auf seine Kosten. Für moderne Klang- und Melodieabenteuer sorgen Eriks Esenvalds, Herbert Howells, Ralph Vaughan Williams und Einojuhani Rautavaara mit seiner „Evening Hymn and Ekteniya oft he Litany“.

   In drei zwischen die Chorwerke eingestreuten Orgelstücken von Johann Sebastian Bach, Jehan Alain und Simon Preston verraten die jungen Organisten Alexander Hamilton und Asher Oliver enge Vertrautheit mit der Königin der Instrumente.

   Als die jungen Stimmen verstummen, setzt umso lauter der Beifall ein. Dafür bedanken sich Layton und seine junge Truppe mit zwei exquisiten harmonieträchtigen Stücken, bei denen zwei Soprane an „Faust“ denken lassen. Verweile doch, du Augenblick. 

 

Wolfgang Nußbaumer     

 

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