Aus der Tiefe des Raumes Empfehlung

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Musik schreitet durch den Raum. Musik schreitet durch den Raum. Fotos: -uss

Panta rhei – alles fließt. Die „Vox Clamantis“ aus Estland an der Ostsee sind der personifizierte Fluss der Stimmen.

    Im Sinne des griechischen Philosophen Heraklit erweisen sie sich beim EKM-Konzert in der Augustinuskirche als weit mehr, als „Zusammengehendes und Auseinanderstrebendes, Einklang und Missklang“. Zusammen gibt es ein Ganzes. Wobei der Missklang im Falle der mythischen Esten höchstens als elektronisch unterfütterte zeitgenössische Tonsprache verstanden werden darf. 

    Ja, dieser von dem in aller diskreten Bescheidenheit charismatischen Gregorianik-Spezialisten Jaan-Eik Tulve geformte Chor aus 13 Sängerinnen und Sänger ist bereits zu seinem eigenen Mythos geworden. Wann darf man schon dieses absolut makellose Unisono, diese kristallklaren Soprane, diese flexiblen, warm getönten Männerstimmen allein und im hinreißend selbstverständlichen Zusammenspiel erleben.

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    Der Clou ihrer frommen Gesänge quer durch viele Jahrhunderte: die von Eliann, Jakob und Nathan Tulve am Laptop generierte elektronische Begleitmusik. Musik? Auch; dazu Meeresrauschen, Buckelwalgesang - „aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir“, darf man in diesem spirituellen Kontext die Bach-Kantate instrumentalisieren. Die jungen Leute liefern das Echo auf vokale Momente, blicken an ihren Computern dazwischen und voraus und impfen die alten Gesänge mit akustischen Frischzellen. Das funktioniert prächtig. Als Teil eines hochaktuellen Ganzen, wie der Zug der singenden „Mönche“ durch das Gotteshaus mit seiner hervorragenden halbtrockenen Akustik offenbart. Statt eines Notenheftes tragen sie Laptops in ihren Händen.

    Was soll man noch rühmen an Programm und Interpreten. Sicher die kluge Zusammenstellung aus Gregorianischen Antiphonen, Psalmen und der „Heiligenlitanei“; mehrstimmigen Motetten des wegweisenden spätmittelalterlichen englischen Musikers, und Mathematikers John Dunstable und seines burgundischen Pendants Gilles Binchois („Amours mercy“, ein tief berührendes Liebeslied), der meditativen sanften Dünung des 2017 uraufgeführten Stücks „You and I“ der estnischen Komponistin Helena Tulve – mit dem grandiosen „Da pacem, Domine“ des EKM-Preisträgers Arvo Pärt. 

    Für den enthusiastischen Beifall bedanken sich Jaan-Eik Tulve und sein Ensemble mit dem puren Wohlklang eines Volkslieds aus ihrer estnischen Heimat. 

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Für den erkrankten Godehard Joppich nimmt dessen Freund aus gemeinsamer Zeit in der Benediktinerabtei Münsterschwarzach, Pater Rhabanus Erbacher, den EKM-Preis aus den Händen von Baubürgermeister Julius Mihm entgegen.

 

    Im Anschluss hat Baubürgermeister Julius Mihm den Prof. Dr. Godehard Joppich gewidmeten Preis der Europäischen Kirchenmusik 2018 überreicht. Da der betagte Preisträger wegen des Todes seiner Frau vor wenigen Tagen und eigenen gesundheitlichen Problemen nicht anreisen konnte, hat die Auszeichnung stellvertretend der Benediktinerpater Rhabanus Erbacher von der Abtei Münsterschwarzach, ein enger Freund Joppichs, entgegengenommen. Die Laudatio hielt der Essener Kirchenmusikdirektor Prof. Dr. Stefan Klöckner. 

 

Wolfgang Nußbaumer    

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