Romantische Spannung unter gotischem Dach Empfehlung

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Fawzi Haimor führt sein Orchester im Münster mit leichter Hand durch das Mendelssohn-Konzert. Fawzi Haimor führt sein Orchester im Münster mit leichter Hand durch das Mendelssohn-Konzert. Fotos: -uss

Frühe und späte Romantik vereint unter dem Dach einer gotischen Kathedrale –

   diese musikalische Spannung zwischen sinfonischen Werken und deren Wechselspiel mit dem streng nach oben strebendem Raum haben das EKM-Konzert der hervorragend musizierenden Württembergischen Philharmonie Reutlingen im Gmünder Münster geprägt.

    Felix Mendelssohn Bartholdys Sinfonie Nr. 4 A-Dur, die „Italienische“ kommt frisch und leichtfüßig daher. Inspiriert von der Lebensart der Stiefelbewohner, aber anders als das nachfolgende gewaltige Strauss-Epos, nicht von der Landschaft. Der temperamentvolle Kopfsatz mit seinem homogenen Klangzauber korrespondiert mit dem hitzigen Finale und seiner erstaunlich düster verklingenden packenden Dynamik.

    Sie verweist voraus auf die gut 80 Jahre später uraufgeführte „Alpensinfonie“ von Richard Strauss, einem furiosen Tongemälde von gigantischem Ausmaß. In dieser Bergbesteigung gibt es nur kurze harmonisch-melodiöse Verschnaufpausen, während man im langsamen Satz der „Italienischen“ noch in einer elegischen, bittersüßen Ballade abtauchen durfte.

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Konzertmeister Timo de Leo

 

    Bei dem Spätromantiker und Nietzsche-Fan Richard Strauss ist Schluss mit lustig. Ursprünglich wollte er sein monströses sinfonisches Projekt mit dem Untertitel „Antichrist“ klar in der Kirchenkritik verorten. Der radikale Opportunist ließ zwar die Finger davon – die hektische Betriebsamkeit am Berg darf man ruhig als Götterdämmerung empfinden. Zumal da jedes Streicherflirren (akkurat unisono!), jeder Trompetenstoß, jede Klarinettenklage und jeder Beckenschlag auf Empfindung zielt. Programmatischer kann eine Komposition dem EKM-Motto „Mit allen Sinnen“ kaum entsprechen. 

    Dass diese Sinfonie zum sturmumtosten, vom Steinschlag gegeißelten und zwischendurch von grünen Matten umschmeichelten Alpenglühen geriet, darf sich der erst 35 Jahre alte Dirigent Fawzi Haimor auf seine Fahnen schreiben. Mit welcher staunenswert geschmeidigen gestischen Bestimmtheit der gebürtige US-Amerikaner alle vor ihm aufgebauten Register gezogen hat, die sich zu über 100 Musikerinnen und Musikern addiert haben, verdient mehr als nur Respekt.

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Der Dirigent drückt seinen Konzertmeister dankbar ans Herz.

 

    Als nach der ausgedehnten Bergtour die Nacht in Partitur und Orchester aufzieht, möchte man weinen vor Glück. Nicht wenige Augenpaare haben nach dem riesigen Applaus beim Hinausgehen  gefunkelt.

Wolfgang Nußbaumer  

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