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Das Ewig-Weibliche zieht sie hinab Empfehlung

"Lulu" Alicia Amatriain genießt die Lust in den Armen des Malers Schwarz (Noan Alves) "Lulu" Alicia Amatriain genießt die Lust in den Armen des Malers Schwarz (Noan Alves) Foto: Carlos Quezada
 
Begeistert gefeiert worden ist im Stuttgarter Opernhaus die Neufassung von Christian Spucks Handlungsballett "Lulu".
    Frei nach der Vorlage von Frank Wedekinds skandalträchtigem Theaterstück, an dem sich seiner Zeit kein Verleger die Finger verbrennen wollte und das von der Zensur nur mit spitzen Fingern verstümmelt worden war, nahm der ehemalige Hauschoreograph und heutige Züricher Ballettdirektor und Choreograph auf Wunsch von Intendant Reid Anderson sich seines bereits damals vor 15 Jahren schon überaus erfolgreichen Stückes noch einmal an. Vor der Folie der "Me too"-Debatte erhält die Thematik zusätzliche Brisanz. Das Premierenpublikum wird von der einfallsreichen Erzähldramaturgie geradezu überwältigt. Ein Ballettthriller in sehr dichter Inszenierung, der temporeich dem Verhängnis entgegeneilt.
 
   Das Bühnenbild von Dirk Becker ist schlicht. Zwei Treppen führen seitlich zu einer Empore nach oben und dienen als Versteck für Lulus Amouren. Emma Ryott hat die Kostüme körpernah geschnitten und der heutigen Zeit angepasst.
 
   Spuck, Absolvent der Cranko-Schule, fühlt sich dem psychologischen Zugang des Großmeisters John Cranko verpflichtet und entwickelt diesen Ansatz weiter. „Es geht nicht darum, schönen Tanz zu zeigen, sondern darum, die Sprache des Tanzes zu benutzen, um Figuren und Situationen zu zeigen.“ Wie ein Häuflein Elend liegt Lulu in ihrem weißen Hemdkleidchen am vorderen Bühnenrand. Das Gesicht verstört, die großen Augen ausdrucksvoll traurig. Ein Video verdoppelt  ihre Mimik in großformatiger Spiegelung. Die Figur der Lulu verkörpert wie vor 15 Jahren Alicia Amatriain. Fast wie Schüler sitzen die ihr verfallenen Liebhaber paralysiert an hintereinander aufgereihten Tischen. Ein lebloser männlicher Körper ist auf dem Boden hingestreckt. Es ist Obermedizinalrat Dr. Goll, Ehemann Nummer eins der Protagonistin. Ihn hat der Schlag getroffen, als er seine Frau Lulu mit dem Maler Schwarz erwischt hat. 
 
   Schillernd, uneindeutig spielt Amatriain die Ambivalenz ihrer Lulu, die Männermagnet und Projektionsfläche für deren Fantasien ist. Die Liebhaber liegen ihr zu Füßen und tragen sie auf Händen. Eindrucksvoll ins Bild gesetzt, wie Lulu über deren hochgereckte Hände balanciert. Sie zieht diese in ihren Bann und in den Abgrund. Schamlos lebt sie ihre Sexualität aus. Dank der vielfacettigen schauspielerischen Ausdruckskraft bleibt ihre Lulu ungreifbar. Sie entzieht sich gekonnt jeglicher vereinfachender Vereinnahmung. Sowohl in der Deutung als auch in der interaktiven Hingabe. Wer ist diese Frau? Die willig das Männerspiel mitspielt und  sich doch nach ihrer eigenen Logik der bedingungslosen Fremdbestimmung widersetzt?
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   Eine Band mit Sängerin spielt auf erhöhter Tribüne zum Geschehen darunter. Aus dem  Orchestergraben wird das Geschehen dramatisch schrill und unheildräuend wie in der Filmmusik zu Stummfilmzeiten angekündigt. Alban Berg, Arnold Schönberg  und  Dmitri Schostakowitsch sorgen abwechselnd für die Klangkulisse. 
Schigolch alias Louis Stiens, einer von Lulus ständigen Begleitern, nimmt das schreckliche Ende Lulus in London erzählend in englischem Monolog vorweg. 
 
   Zur Musik von Schostakowitsch zeigen die Tänzer atemberaubende akrobatische Sprünge. In rasantem Tempo entwickelt sich die Handlung. Ehemann Nummer zwei, der Maler streicht liebevoll zärtlich über das Bild von Lulus Gesicht, als ob er auch die feinsten Gesichtszüge heraus modellieren will. Der Maler ist so vernarrt in sein Modell, dass er daneben nicht wahrnimmt, welche aufreizenden Liebesspiele Lulu unter seinen Augen oder hinter seinem Rücken treibt. Er bricht zusammen, als sein Besitz geglaubtes Modell ihm entgleitet und er mit der Wahrheit konfrontiert wird. 
 
   Provokant-aufreizende Pas de deux beschleunigen das Geschehen, mal mit dem Maler Schwarz, Noah Alves, mal mit dem Liebhaber Rodrigo, Flemming Puthenpurayil, dem Ziehvater und Ehemann Nummer drei, Chefredakteur Dr. Franz Schöning, Roman Novitzky, dessen Sohn Alwa, David Moore, der auf seine Chance lauert und wild und aufreizend Jack the Ripper, in dessen Rolle Roman Novitzky zur Höchstform aufläuft. Der geschmeidige Körper der Primaballerina vollführt akrobatische Höchstleistungen. Die lesbische Gräfin Martha von Geschwitz, Anna Osadcenko, erliegt den Reizen Lulus gleichermaßen. Schwarz gekleidet legt sie einen unnachahmlich eleganten Spitzentanz hin. Das Publikum honoriert ihre tänzerische Leistung mit dem ersten Rosenstrauß, der ihr am Ende zugeworfen wird. 
 
   Lulu zeigt ihr erst die kalte Schulter. Dann  nutzt sie die Avancen der Gräfin, um ihren Ehemann Nummer drei eifersüchtig zu machen. 
 
   Die galante Pariser Gesellschaft heißt die Exilanten willkommen. Schnell ist Lulu auch hier der begehrte Mittelpunkt der glamourösen Party.  Bis sich herumspricht, dass die so Angehimmelte eine zur Fahndung ausgeschriebene Mörderin ist. Die Berliner Flüchtlinge müssen weiter fliehen. London wird zur letzten Zuflucht. Alwa, die Gräfin und Schigolch bleiben in Lulus Orbit. Mittellos muss sie sich prostituieren. Sie gerät in die Hände von Jack the Ripper. Höhepunkt und Ekstase im Pas de deux, brutale Zurückweisung der Hingebungsvollen. Alwa versucht, die Geliebte zu schützen. Die Gräfin wirft sich dem Wüterich Jack the Ripper entgegen. Der Serienmörder kennt kein Pardon. 
 
   Ein Kunstgriff der Regie bringt Lulus Doppelgängerinnen im langen ersten Akt in den Gruppentanz. Sie treten im dritten Akt quasi als mythische Frauengestalten noch einmal auf. Auf  Tischen sitzend, kämmen sie sich mit Blutbürsten die Haare.  
 
   Helga Widmaier
 
   Info: Weitere Aufführungen in der Stuttgarter Oper finden statt am 15./17./23./24./30. Juni und am 2./4./7./8./10. und 11. Juli 2018
 
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