Mamamam mamam – aber ganz legato Empfehlung

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Diese Frau hat mit umwerfender Fröhlichkeit alle im Griff - Mirjam Scheider. Diese Frau hat mit umwerfender Fröhlichkeit alle im Griff - Mirjam Scheider. Fotos: -uss

„Mamamam mamam“ machen 60 ausgewachsene Menschen.

   Zuvor haben sie sich in einer Reihe aufgestellt und Vorderfrau und Vordermann den Rücken massiert. Noch ein bisschen mit dem Unterkiefer geklappert, zwecks Lockerung. Dann kann’s losgehen mit der eigentlichen Probe. Aber ganz „legato“ ausgedehnt den Ton halten, bitteschön. Ach ja, mit den Fingerspitzen noch sanft die in diesem Fall eigene Kopfhaut beregnen. Singen beginnt im Kopf – wie Sex.

     Der Oratorienchor Ellwangen macht – von Mirjam Scheider mit fröhlicher Bestimmtheit animiert -  im Festsaal der Marienpflege ganz neue sinnliche Erfahrungen.       „Mamamamamam mamam“ erklingt wieder, nicht aus voller Kehl, doch aus frischer Brust.

     Atmen ist alles, lautet das Mantra der in Backnang geborenen quicklebendigen jungen Frau. „Im Einatmen muss alles drin sein!“, legt sie den Sängerinnen und Sängern herzlich ans Herz. Aber bitte mit Haltung. Wie soll die Stimme sitzen, wenn der Leib nicht in sich ruht. Was hat dieser Wirbelwind nicht alles an gruppendynamischen Tricks auf Lager, um den Chor in Fahrt zu bringen. Nebenbei erklärt die Bezirkskantorin aus Gaildorf noch, was Gehirn und Gesang zusammenhält – und umgekehrt. Lange hirnen muss man da nicht. Dieses attraktive Energiebündel lässt einem ohnehin keine Zeit. „Legato“ hin oder her.

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      Nahezu einstimmig hat sich der Chor schon auf der Mitgliederversammlung 2017 für die „Neue“ in der Nachfolge von Kirchenmusikdirektor Willibald Bezler entschieden. Der lauschte ihrer ersten Dirigierprobe mit „seinem“ Orachor höchst zufrieden. Kein Wunder; der bis zu seinem plötzlichen Tod am 15. April diesen Jahres von kreativen Ideen nur so sprudelnde Professor hatte Mirjam Scheider an der Musikhochschule in Stuttgart in Orgelimprovisation unterrichtet und wusste, was sie an Blitzgescheitem im Köcher hat.

     Dennoch war die Berufung zu dem Ellwanger Vorzeigechor kein Selbstläufer. Unter den drei Bewerberinnen und zwei Bewerbern, die nach einer überregionalen Ausschreibung in die engere Wahl gekommen waren, war sie allerdings dann die erste Wahl. Wer diese hochflexible Stahlfeder mit den dunklen Strahleraugen in Aktion erlebt, weiß warum.

     „Sie war einfach die Beste“, rühmt der Chorvorstand vor der Probe. Dafür spricht auch der Werdegang des 32 Jahre jungen Multitalents, das meist fünf Jahre jünger geschätzt wird. Bereits als Zwölfjährige war sie als Organistin tätig. Später hat sie diverse Chöre richtig Singen („legato“) gelehrt, natürlich parallel. Lächelnd erzählt sie, wie sie die Belegschaft des Stuttgarter Staatsministeriums zum fröhlichen Pfeifen gebracht hat. Die Beste im Bachelor- und Masterstudiengang Dirigieren  hat als dessen Stipendiatin schon bei Proben das legendäre SWR-Vokalensemble und die nicht minder bekannte Gächinger Kantorei geleitet.

     Aus diesen unterschiedlichen Erfahrungen speist sich auch ihr weit gespanntes Interesse der Chorliteratur. Für ihren neuen Wirkungsbereich in Ellwangen hat sie sich vorgenommen, den Chorklang noch transparenter zu machen. In der Stimmbildung will sie ihre Sängerinnen und Sänger zu einer Flexibilität führen, die es möglich macht, Werke vom Barock bis zu neuer Musik adäquat umzusetzen.

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     Für das erste Projekt hat sie sich indes für den Mittelweg entschieden. Am Samstag, 20. Oktober, will sie mit ihrer neuen Truppe die Sinfoniekantate „Lobgesang“ und „Lauda Sion“ von Felix Mendelssohn Bartholdy aufführen. Sie hat einiges mit ihm gemeinsam. Der Romantiker war nicht nur ein vorzüglicher Organist, sondern auch ein wegweisender Dirigent.

   Umso mehr fragt man sich verwundert, wieso Mirjam Scheider gerade ihren Vertrag in Gaildorf gekündigt hat und in Stuttgart anheuert. Im Management mehrerer Arztpraxen. Als Antwort lächelt sie einfach – und die dunklen Augen funkeln voll Musik. Keine weiteren Fragen.  Dann macht es „Mamamam mamam“ – ganz legato. 

Wolfgang Nußbaumer 

      

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