KISS strebt nach Veränderung Empfehlung

Marjatta Hölz aus Stuttgart kuratiert die Ausstellung „Untragbar. Von der Sehnsucht nach Veränderung“. Die imposante Escape Allee von Tea Mäkipää füllt einen ganzen Flur des Schlosses. Marjatta Hölz aus Stuttgart kuratiert die Ausstellung „Untragbar. Von der Sehnsucht nach Veränderung“. Die imposante Escape Allee von Tea Mäkipää füllt einen ganzen Flur des Schlosses. Fotos: Ossig/KISS

Der Kunstverein KISS startet am Sonntag, 29. April, in seinen bereits 18. Kunst- und Kultursommer auf Schloss Untergröningen.

   Die Ausstellung „Untragbar. Von der Sehnsucht nach Veränderung“ präsentiert Werke zum Traum des Menschen von einem anderen Dasein. Ziel der von Marjatta Hölz aus Stuttgart kuratierten Ausstellung ist ein Wechsel der Perspektive. Es geht darum, innerhalb der Gegenwartskunst der Fähigkeit nachzuspüren, sich in andere hineinzuversetzen. Im Fokus stehen dabei soziales Gefälle, die Einschränkung von Freiheit und das Verhältnis zwischen Zivilisation und Natur. Auf einer Fläche von rund 1.000 qm vereint die Ausstellung 95 Werke unterschiedlichster Medien wie Installation, Plastik, Film, Fotografie, Malerei und Graphik. Die Ausstellung ist bis zum 29. Juli jeweils samstags und sonntags sowie an Feiertagen geöffnet. Außerdem lädt KISS zu einem umfangreichen Rahmenprogramm mit zahlreichen Sonderveranstaltungen ein. Die Ausstellung wird am Donnerstag, 26. April, um 19.30 Uhr eröffnet.

   Wie beeinflusst koloniale Geschichte unsere zwischenmenschlichen Beziehungen? Welche Blüten treibt unser Zwang, immer besser sein zu wollen als die anderen? Sperren wir uns freiwillig ein, obwohl wir glauben, nach Freiheit zu streben? Wie können wir mit der Natur in einen Dialog auf Augenhöhe treten? Viele Exponate der Ausstellung „Untragbar. Von der Sehnsucht nach Veränderung“ fordern Empathie und Respekt ein für jene, die in unserer Gesellschaft bisher wenig Beachtung bekommen. Andere laden zum Dialog ein mit dem, was wir kaum kennen oder was uns fremd erscheint. Weitere zeigen liebgewonnene zivilisatorische Werte und deren Kehrseiten, die oftmals aus unserem Blickfeld geraten. 

   Olivier Guesselé-Garai, Antje Majewski und Gabriel Rossell-Santillán befassen sich mit der Frage, wie man außereuropäische Kultur jenseits von Kunstraub und Souvenirkitsch repräsentieren kann. Wie behandelt man Objekte, die ihrem Kontext entnommen sind? Bis heute existiert der Eroberer, Weltentdecker und Abenteurer in unseren Köpfen als heroische Figur, der aber, bei näherer Betrachtung, seinen Ruhm oftmals auf dem Rücken der „Entdeckten“ erlangt hat. Dabei spannt sich ein Bogen bis in unsere eigene koloniale Vergangenheit. Diskriminierung des Fremden schleicht sich noch heute unbewusst ein. Tanja Maria Ernst, Katrin Ströbel und Emeka Udemba setzen sich damit auseinander. Auch die europäische Geschichte ist reich an Beispielen wechselnder Herrschaften, welche religiösen, sprachlichen und kulturellen Wandel mit sich brachten. Von den Auswirkungen solcher Wechsel auf die kulturelle Identität der Bevölkerung bis hinein in die folgenden Generationen handelt das Werk Gabriela Oberkoflers.

   Das Streben nach Veränderung ist zutiefst menschlich. Ob ein Wandel aus innerem Drang oder äußerem Zwang geschieht, lässt sich jedoch nicht immer klar trennen. Die Wünsche des Menschen verschwimmen mit jenen der Gesellschaft. Bleibt dabei noch Raum für ureigene Träume? Aus dem Bedürfnis nach Verbesserung wird ein Wachstumszwang, dem mancher nicht mehr entkommt. Ins Visier genommen wird er von Tea Mäkipää und Uwe Schäfer. Dass sogar die Ideale von Freiheit und Gleichheit in Zwänge umschlagen können, verdeutlicht eine Episode aus der Geschichte des Ausstellungsorts Untergröningen, als dort Ende des 18. Jahrhunderts zahlreiche Menschen Unterschlupf fanden, die vor der Terreur der Französischen Revolution geflohen waren, darunter der Beichtvater Ludwigs XVI. in Versailles.

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"Crossover" - Anja Luithles viel sagende Hüllen.

 

   Auf konfessionelle Diskrepanzen machen die prozessualen Arbeiten von Martina Kuhn aufmerksam, die u. a. mit Ortsbezug in einer Klosterzelle entstanden sind. Das Gefängnis ist die augenscheinlichste Form der Einschränkung von Freiheit. Doch nicht eingesperrt zu sein ist nicht automatisch gleichzusetzen mit freier Bahn, denn das Erreichen von Zielen gleicht oftmals einem Labyrinth. Es scheint Türen zu geben, die in denselben Raum zurückführen, aus dem man kam. Es ist schwierig, den vorgegebenen Kurs zu verlassen. In den Arbeiten von Tilmann Eberwein, der Filderbahnfreundemöhringen FFM, von Seulmina Lee, Anja Luithle und Gabriela Oberkofler findet man diese Thematik. Auch psychische Erkrankungen oder traumatische Erfahrungen können ein Gefängnis sein. Der Mensch tritt auf der Stelle, das Tier dreht in seinem Käfig manische Runden und verlässt ihn selbst dann nicht mehr, wenn er offen steht. 

   Sind Tiere in der Lage, Kunst zu produzieren? Ist diese Frage absurd? Die Arbeiten der Filderbahnfreundemöhringen FFM, von Tea Mäkipää und Gabriela Oberkofler haben damit zu tun und stehen damit in der Tradition von Joseph Beuys. Es ist gerechtfertigt zu fragen, ob der Kojote in seiner Aktion von 1974 lediglich ein künstlerisches Mittel oder ein eigenständiger Akteur war. Die Antwort auf diese Frage hängt vielleicht damit zusammen, welche Rechte wir anderen Spezies zugestehen. Die Grenzen unseres Kunstbegriffs scheinen unmittelbar mit unserer Fähigkeit zu korrespondieren, uns in das kreative nicht-menschliche Wesen hineinzuversetzen. Selbst wenn wir dem Tier den Künstlerstatus verwehren, so lässt sich nicht bestreiten, dass die Natur oft am Entstehungsprozess von Kunst teilhat. Dies betrifft beispielsweise auch die Arbeiten von Konrad Henker, der in einen intensiven Dialog mit dem Hochgebirge tritt. Anne Römpp hingegen begibt sich in eine sensible Zwiesprache mit Räumen und lässt achtlos Liegengelassenes darin aufblühen, indem sie Alltagsgegenständen Leben einhaucht. 

   Der angestrebte Perspektivwechsel betrifft somit unterschiedliche Kulturen dieser Welt, Mensch und Landschaft, Mensch und Tier sowie Gegenstände. Die Künstlerinnen und Künstler mit Wurzeln in Finnland, Frankreich, Kamerun, Mexiko, Nigeria, Polen, Ungarn, Südkorea, Südtirol und Deutschland setzen sich mit ihrer Herkunft und aktuellen gesellschaftlichen Fragen auseinander. Einen weiteren Dialog bildet der inhaltliche und gestalterische Ortsbezug einzelner Arbeiten zum Ausstellungsort Schloss Untergröningen.

   Info: Öffnungszeiten: 29. April - 29. Juli 2018 jeweils samstags 13 - 18 Uhr, sonntags sowie am 1./10./21./31.Mai von 11 - 18 Uhr; Kuratorenführungen: So., 27. Mai und So., 3. Juni, je 14 Uhr. Weitere Führungen auf Anfrage.Informationen auch zu Sonderveranstaltungen: www.kiss-untergroeningen.de

pm/so
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