Die Linie bringt es an den Tag Empfehlung

Hans-Peter Weber hat Ena Lindenbaur sichtlich mit Vergnügen den VR-Bank-Kunstpreis überreicht. Hans-Peter Weber hat Ena Lindenbaur sichtlich mit Vergnügen den VR-Bank-Kunstpreis überreicht. Foto: Kullmann

Ena Lindenbaur macht es einem unmöglich, eine rote Linie zu überschreiten.

    Nicht, weil sie in dieser Absicht welche ziehen würde; ihre Linie trägt Unendlichkeitscharakter, weist über sich selbst hinaus – entgrenzt. Ihre Linie ist ein Synonym für Kunst schlechthin. Dass sie deshalb künftig mit einem schwarzen Raben unter einem Dach in ihrem Domizil in der Provence leben darf, hat sie allemal verdient. Der auf den schwäbischen Impressionisten Hermann Pleuer zurückgehende Vogel symbolisiert den Kunstpreis der VR-Bank Ostalb. Mit ihm hat sie deren Vorstandsvorsitzender Hans-Peter Weber vor großem Publikum am Sonntag auf Schloss Fachsenfeld ausgezeichnet.

   „...dann leben sogar die Stimme“ – so hat die 1956 in Reutlingen geborene Künstlerin die Ausstellung und den dazu veröffentlichten exquisit gemachten Katalog überschrieben. Sie bezieht sich damit auf einen poetischen Aphorismus des österreichischen Schriftstellers Peter Handke: „Im Innern der geschlossenen Augen noch einmal die Augen schließen...dann leben sogar die Steine.“ Gemeint ist die Möglichkeit, sich ganz in sich selbst zu versenken, ganz bei sich zu sein. Und dadurch wiederum ganz offen mit allen Sinnen. Dann ereignet sich das Paradoxon, dass unbelebte Materie zum Leben erwacht. 

   Ena Lindenbaur nähert sich diesem Phänomen auf ganz verschlungenen Pfaden. Wenn der abgegriffene Topos vom Weg der das Ziel sei Gültigkeit hat, dann für ihr Schaffen. Dessen Prozess erfährt man in den Lineaturen ihrer Zeichnungen als eine ziellos erscheinende Schürfarbeit nach – ja, wonach? Nach dem Klang der Welt? Nach der Eroberung des Raumes durch Zeichen? Oder ganz banal nach dem, was geschieht, wenn man sich und die zeichnende Hand einfach treiben lässt.

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    Als ob sich so eine Künstlerinnenhand einfach ziellos bewegen lassen würde. Zumal es der gelernten Grafikerin vor allem um den Menschen geht, worauf die Kunsthistorikerin und Jurymitglied Dr. Sabine Heilig in ihrer erhellenden Einführung hingewiesen hat. Um diesem Thema gerecht werden zu können, muss man vermutlich im Zeichnerischen alle Grenzen überspringen, wie Heilig andeutet. In letzter Konsequenz mit geschlossenen Augen den Stift über den Zeichengrund führen. In dieser innigen gestalterischen Verbindung fließen das Objekt und das kreative Subjekt zusammen. Im Innern der geschlossenen Augen. 

    Aalens Oberbürgermeister Thilo Rentschler erkannte denn auch: „Die Kunst von Ena Lindenbaur regt dazu an, tief nach innen und nach außen zu blicken.“ Und der Vorstandsvorsitzende der VR-Bank Ostalb, Hans-Peter Weber, fasste die Gründe für die Entscheidung in dem Satz zusammen: „Sie haben sich für uns sehr überzeugend artikuliert.“ 

   Bevor Wolfram Karrer auf dem Akkordeon nochmals französisches Lebensgefühl zum Klingen brachte, machte es die Herrin der langen Linien in ihrem Dank schwäbisch kurz, indem sie auf die Dimension dieser Preisvergabe hinwies. So eine mit einer ordentlichen finanziellen Zuwendung gekoppelte Auszeichnung ermögliche es den Künstlern, sich auf ihre eigentliche Arbeit zu konzentrieren. Eva Lindenbaur hat indes für preislose Zeiten vorgesorgt: In der Provence wartet ein umgebauter Zirkuswagen auf Feriengäste.

   Info: Die Ausstellung im Ökonomiegebäude von Schloss Fachsenfeld ist bis 27. Mai zu sehen.

 

Wolfgang Nußbaumer       

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