In seinen Adern floß Farbe

Hannes Münz war ein sinnenfroher, positiv gestimmter und genauer Beobachter der Welt und der Menschen Hannes Münz war ein sinnenfroher, positiv gestimmter und genauer Beobachter der Welt und der Menschen Die Aufnahme haben wir dem Buch "Hannes Münz - Malerei" entnommen

Donnerstagnachmittag ist auf dem Waldfriedhof in Aalen der Maler und pfiffige Skulpteur Johannes Münz zu Grabe getragen worden. Mit dem nachfolgenden Text wollen wir an ihn erinnern:

   "Das großformatige Bild steht auf der Staffelei im nahe Münsingen gelegenen Dapfener Atelier. Dort auf der Alb malt Münz, wenn er sich nicht in seinem Domizil am Ufer der Elorn vom würzigen Bukett einer knorrigen Landschaft inspirieren lässt. Möglicherweise nimmt der Maler das Bild mit in sein bretonisches Refugium, wo er Sommer und Herbst verbringt, um dort dem Farbflächenproblem auf den Grund zu gehen.Für den unbedarften Betrachter eine völlig unnötige Maßnahme. Sieht doch prima aus, dieses Toledo. Nur für Münz nicht. Der Perfektionist muss den Farbstrom bändigen, bis ihm Auge und Gefühl sagen: Jetzt ist es gut. Aber weil sich in Hannes Münz' Brust die grüblerische schwäbische mit der ausgleichend zaudernden hohenlohischen Art verbunden hat, kann's auch einem fertigen Bild passieren, dass er es wieder in die Mangel nimmt. Das "Laisser-faire" ist nicht sein Ding, obwohl ihn die Bauern in Sizun seit langem schon als ihresgleichen betrachten. Beim "Pardon", der großen Flurprozession hat er in bretonischer Uniform schon die Fahne getragen. Das hat ihn zwar geehrt, andererseits ist der Mann, der 1990 den Lehrerberuf an den Nagel gehängt hat, alles andere als ein uniformer Typ. Man könnte meinen, in seinen Adern fließe Farbe statt Blut.

    "G'malt", sagt er in einem von vielen Landschaften gefärbten Dialekt, "habe scho immer". Früh musste er auch schon die Erfahrung machen, dass Kunst ein hartes Brot ist. Von seinem Vater hat er "gottsallmächtig da Ranze vollkriagt", weil er im hoffnungsvollen Alter von drei Jahren Ludwig Thomas "Lausbubengeschichten" mit dem Zeichenstift traktierte. Die Abreibung als Initialzündung? Am Schubart-Gymnasium in seiner Heimatstadt Aalen  fertigte er in der Kunst-AG des späteren Malerpfarrers  Sieger Köder Theaterdekorationen und "Sachen für Fasching" an. Ja, malen wollte er schon immer, "aber kenna, habe net emmr dürfa", erinnert er sich. Der Vater wollte, dass er "was rechts" lernt. Folgsam studierte Hannes Münz in Grenoble Volkswirtschaft, bis der gestrenge Geldgeber einsah, "dass des nix wird". Der Filius durfte Maler werden. Unter einer Bedingung: im Schuldienst. Das war entschieden das kleinere Übel.

    Bis 1967 hat Hannes Münz in Grenoble und Tübingen Romanistik und Kunst an den Akademien von Aix-en-Provence und Stuttgart (bei dem ebenfalls aus Aalen stammenden Prof. Rudolf Haegele) studiert. 1969 kam er dann ans Ganerben-Gymnasium in Künzelsau. Gerne hat er unterrichtet. Doch irgendwann hat sich für ihn unabweisbar die Frage gestellt: Schule oder Malerei? Denn halbe Sachen liebt er nicht. Darüber kann auch der freundlich-zurückhaltende Blick aus den wasserblauen Augen unterm grauen Haarschopf nicht hinwegtäuschen. Zwei Jahre ließ er sich beurlauben, bevor er sich ganz in das Abenteuer des freien Künstlerlebens stürzte.

Vitale Palette

    Und das ließ sich gut an. Seine vitale Palette, die Sinnlichkeit seiner Farben, die Dynamik der Komposition - eine unverwechselbare Handschrift, die diesseits und jenseits des Rheins breite Zustimmung fand und findet. Metz, Freiburg, Quimper, Sulzburg, Aalen, Minden, um nur einige Stationen zu nennen. Seitdem pendelt der Maler zwischen dem hohenlohischen Künzelsau, dem kleinen Flecken Dapfen auf der angeblich so rauen Alb und dem inzwischen 350 Jahre alten Bauernhof in der herben Bretagne, wo Meer und Land Hochzeit feiern mit Wind und Wolken als Trauzeugen. Silbriges, leichtes Licht fließt hier über Hügel und Matten. Vom Atlantik her drängen Wolkengebirge übers Land und trotzdem kann es sonnig sein. Urwüchsige Schönheit, die sich nicht andient. Durchaus vergleichbar jener, die einen „hinter der blauen Mauer“ des Albtraufs erwartet.

   Ein rauer Zug, der verbindet. Wenn Hannes Münz in seinem gegenüber der Pfarrkirche liegenden Dapfener Domizil in Kunstklausur geht, lebt er keineswegs einsam. In der guten Stube umsorgen ihn acht propere Frauen. Eine serviert zwei Teller mit Kuchen. Die lecker aussehenden süßen Stücke sind jedoch genau so wenig echt, wie die dralle Dame, die sie reicht. Alles Schein und Pappmaché. „La Ronde des Dames“ kennen inzwischen alle Münz-Fans. Einige der lebensprallen Maiden wohnen inzwischen bei den Modellen und irritieren dort die Gäste als doppeltes Lottchen. Selbst vom Balkon des Künzelsauer Rathauses grüßt mittlerweile eine fröhliche Frau.Doch die munteren Mädels sind Marginalie, ein Apostroph der Lebensfreude des fröhlichen Skeptikers. Ausweis auch seiner ambivalenten Natur. Ein entschiedener Pragmatiker, außer wenn es um die Kunst geht. Da kennt er keine Kompromisse. Hannes Münz versteht sich vor allem als Maler („Das ist etwas Elementares wie Singen") als Anwalt der Farbe. Deren Möglichkeiten will er immer weiter ausloten.

    „In der Malerei ist schon noch Entwicklung drin“, beharrt er allen Unkenrufen zum Trotz. Jetzt sinnt der Sechzigjährige darüber nach, den Stoff, aus dem die Illusionen sind, aus der Fläche zu befreien und in den Raum hinaus zu führen. Mögen andere das Ende der Malerei beschwören, Münz ist der äußerst lebendige Gegenbeweis. Ob die Schaffenspanne zwischen 1985 und 1992, die in seinem „Malerei“ (sic!) betitelten ersten Buch dokumentiert ist, oder die seitdem entstandenen Arbeiten, die Gegenstand dieses Bandes sind - sie weisen ihn als einen Maler aus, der den Spagat zwischen dem romantischen Ideal vom tiefsinnigen Künstler als eines weltverwandelnden Schöpfers, der sich aus Naturevidenzen legitimiert (wie er in Friedmar Apels hellsichtiger Analyse „Deutscher Geist und deutsche Landschaft“ aufscheint) und einer aufklärerischen Vernunftposition schafft. Einerseits verwandelt er Farbe in die Essenz einer Landschaft, einer Figur, einer urbanen Situation, nimmt wahr und schafft so die Illusion als Metawirklichkeit im Sinne Paul Klees (Die Kunst solle nicht das Sichtbare wiedergeben, sondern sichtbar machen). Andererseits verwandelt er den Eindruck in Farbe, an der ihn vor allem deren materialer Charakter interessiert.In doppeltem Sinne zielt also sein Landschaftserlebnis auf Autonomiegewinn: in der Gestaltung eines individuellen Raumes und in der betonten Unabhängigkeit der Farbe. Dass sich daraus ungemein spannende Konstellationen ergeben, macht entscheidend den unwiderstehlichen Reiz seiner Malstücke aus.

 Wissende Malerei

    Als Ort kollektiver Selbstfindung sind seine Landschaften gleichwohl nicht geeignet. Er formuliert keine Chiffren, keine Metaphern. Landschaft dient ihm nicht als Projektionsfläche für mehrheitsfähige Botschaften. Nein, Hannes Münz bleibt konkret und individuell. Was ist Farbe, was lässt sich mit Farbe machen, wo liegen ihre materialen und künstlerischen Grenzen? Fragen, die ihn unentwegt beschäftigen. Das Titelbild des ersten Buches über seine Malerei verweist schon auf ein zentrales Thema des zweiten Bandes. Auf dem Bild „Magma“ von 1986, einer Mischtechnik auf Papier, dringen die feurigen Zungen des geschmolzenen Gesteins über das dunkle Geviert der erkalteten Lava hinaus in den weißen Raum vor. Der Prozess vereint Vorbild und Farbe. Beide sprengen ihre Grenzen und bahnen sich den Weg in unbekanntes Terrain. Indem sie es besetzen, schaffen sie es; ein Schöpfungsakt.

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"Liegende",1998, Öl/Leinwand, 40x30 cm

 

    Wie oben schon erwähnt, beschäftigt sich Münz in den letzten Jahren intensiv mit der Frage, wie sich Farbe und Raum, die Zwei- mit der Dreidimensionalität verbinden lässt. In seiner malerischen Nachdichtung der "Carmina burana" fallen vor allem die Kastenbilder ins Auge. Mit diesem Kunstgriff rückt der Künstler das Bild von der Wand in den Raum und befreit es zugleich aus dem Korsett des Rahmens indem er es in die seitlichen Flächen hinein führt. In diesem Akt der Autonomie manifestiert sich der emanzipatorische Geist, den die Verse dieser mittelalterlichen Liedersammlung schon anklingen lassen. Wie immer bei Münz dient also die Farbe der Form und den figürlichen Attributen und nimmt gleichzeitig als autonome Erscheinung das genießende Auge gefangen. Das ist wissende Malerei, die Kopf und Herz befriedigt.

    Sie kennzeichnet Hannes Münz darüber hinaus als Maler, der sich seiner künstlerischen Wurzeln bewußt ist und Erfahrungen der Geschichte für sich nutzbar macht. Das Vordringen des Bildgegenstandes in den freien Raum kennen wir schon aus der barocken Kirchenmalerei. Damals wie heute Signal einer Horizonterweiterung. Dieser wache Blick ins Freie kennzeichnet auch seine Interieurs und Fensterbilder. Der Maler lässt mit der Welt das Licht der Erkenntnis in den Innenraum. Gleichzeitig verbindet das erhellende Band der Farbe Innen mit Außen, schlägt eine Brücke, befreit. Hier zwar noch im geschlossenen System des Rahmens, der in der Idee indes schon gesprengt wird.

Der Puls der Farbe

    Dieses emanzipatorische Grundmuster durchzieht ebenso die urbanen Landschaften und Platzbildern. Statt der raumschaffenden Perspektive nützt der Maler - wie schon im ersten Buch dokumentiert - die Draufsicht, um Strukturen freizulegen. Im Spektrum der Farben macht er den Puls einer Stadt sichtbar. Auf dem Grenoble-Bild unterstreicht das kühle Blau der gesichtslosen Hochhäuser mit seiner kristallinen Transparenz das vitale Leben der leuchtenden warmen Farbtöne im Zentrum. Mehr noch: die Kälte der Nacht lässt Eis und Schnee der nahen Alpen spüren. Münz bleibt am Thema, wobei die Farbakkorde, die er seiner Palette mit Pinsel und Spachtel entlockt, noch reicher gestimmt scheinen.Eine Beobachtung, die auch für seine elementaren Landschaften gilt. In ihnen kommen sich im Werk von Hannes Münz Gegenstand und Farbe am nächsten. Farbe ist das Element, das Landschaft konstituiert. Mehr noch: Farbe bestimmt als eigentlicher Souverän die Szene. Die Landschaft als geordneter Organismus blubbert in einer farbenprächtigen Ursuppe. Ingredienzen, die sich noch zum Ganzen finden müssen. Als Malerei, als Fest der Farben ist sie indes schon zu Ende gedacht. Insofern darf man bei dem hohenlohisch geprägten Älbler mit der frankophilen Ader seine weiblichen mit den elementaren Landschaften gleichsetzen. Beide sind elementar. Erdmutter Gäa, die sich selbst als Landschaft schafft. Und Hannes Münz führt ihr farbsinnlich die Hand.

Wolfgang Nußbaumer

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