Der Klang-Organismus als Mysterium

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Der Klang-Organismus als Mysterium

Mehr Bach geht nicht.

Erst recht in der Interpretation der großartigen Messe in h-Moll durch Frieder Bernius und seinen den 50. Geburtstag feiernden Kammerchor und das Barockorchester Stuttgart. Was für ein Erlebnis in der Ellwanger Stadtkirche – mit minimalen Irritationen.

     Fangen wir damit an, damit wir anschließend ungestört schwelgen dürfen. Kantor Reinhard Krämer weiß, warum er immer ganz hinten an der Wand unter der Orgelbrüstung sitzt. Dorthin dringt das ganze musikalische Geschehen im zum Himmel strebenden Kirchenraum wie in einen Trichter. Unbeeindruckt also von den akustischen Löchern der ehemaligen Jesuitenkirche.

    Ziemlich exakt in der Mitte zwischen Altarraum und Krämers Hörstelle erstreckt sich ein akustisches Niemandsland. Während Chor und Orchester es dank reiner Fülle mühelos besetzen können, kann es für Gesangssolisten zum Bermudadreieck werden. Falls sie nicht ohne kolorierende Girlanden kraftvoll stringent geradeaus singen.

    Deshalb bleibt der unglaublich präsente Altus David Allsopp als Strahlemann dieser nichtsdestoweniger denkwürdigen Aufführung in Erinnerung; während die fein ziseliert intonierende Soprankollegin Johannette Zomer ein Opfer besagten Niemandslandes wird. Nur halt nicht für den klugen Krämer.

      Zu den Schlüsselerlebnissen der Messe, die trotz der zu ganz unterschiedlichen Zeiten entstandenen zentralen Teile wie aus einem Guss gestaltet wirkt, zählen die Duette. Beispielhaft die von der Oboe mit getragene Altus-Arie „Qui sedes“ im „Gloria“ und das „Agnus Dei“ als klanglich kostbare Krönung der Aufführung.  Kurz zuvor gibt der gemeinsame Gesang von Tenor (Jan Kobow) und bravourös geblasener Querflöte schon einen Vorgeschmack auf das folgende Highlight. Zwingende Erwähnung verdient Thomas Müller. Mit welch reinem Ton er seine ventillose Hornspirale zum Klingen bringt, grenzt an Zauberei.

       Dass die Musik vor allem im Barock im kontinuierlichen Fluss der Zeit gesehen und empfunden worden ist, macht der weitgehend ohne große Gesten auskommende Frieder Bernius mit dem musikalischen Präzisionsinstrument vor ihm gleich im „Kyrie“ deutlich.  Biegsam und sanft drängend fließt es dahin. Dass dieser Strom gleichwohl durch Schwellen und Engstellen bewegt wird, arbeitet der Dirigent subtil heraus. Mehr noch: Dieser souveräne Steuermann hält nicht nur sicheren Kurs, er bestimmt auch noch die Strömungsgeschwindigkeit.

     Als umso wirkungsvoller empfindet das konzentriert lauschende Publikum in der voll besetzten Kirche die prägenden Gegensätze zwischen Tutti und Soli. Obwohl Bernius selbst die dynamischen Ausschläge – von Eruptionen kann man bei ihm nicht sprechen – wie in dem strahlenden  Übergang zwischen „Confiteor“ und „Et expecto“ am Ende des „Credos“ wohl temperiert auskostet.

     Die „standing ovations“ nach dem demütig verklingenden „Dona nobis pacem“ haben sich der Meister und seine meisterliche Truppe mehr als redlich verdient. Wie Chor und Orchester zu einem Klang-Organismus verschmelzen, war das eigentliche Mysterium.

 

Wolfgang Nußbaumer   

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