Leben als "Tote"

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Mit ihrem geplanten Tod beginnt die Ich-Erzählerin das verworrene Leben der Joan Foster.
   Ihr spurloses Verschwinden soll den Eindruck hinterlassen, dass sie tot sei. Auf die Weise will sich die Ich-Erzählerin elegant ihrer Probleme entledigen. Sie merkt aber bald, dass das Leben im selbstgewählten Exil wohl so ähnlich wie das der Toten im Jenseits sein muss, also zur Untätigkeit  verdammt und orientierungslos. Da sie aber doch noch unter den Lebenden weilt in Italien, verwickelt sich ihre angenommene Identität in neue Komplikationen. Loslassen kann sie aber auch die alte nicht ganz. Neugierig lässt sie sich postlagernd die Presseausschnitte zu ihrem Verschwinden zuschicken. Die Personen aus ihrer Vergangenheit tauchen in ihren Tagträumen auf.
   Zwischendurch wird dem Leser ein Kapitel aus der überschaubaren Welt der Trivialliteratur serviert - in Kursivdruck zwischen den eigentlichen Text eingeschoben. Die Ich-Erzählerin hat sich ein Double als Groschenheftschreiberin zugelegt. Schließlich reüssiert sie mit einem Roman, in den sie ihre Menschenbeobachtung und ihr Leben verpackt hat. Dann tauchen wir ab in die Geschichte ihrer Kindheit. Von der Mutter ungeliebt, isst das Kind hemmungslos alles, was dick und glücklich macht. Als unförmiger kleiner Fettkloß findet sie sich nur von ihrem Vater und von ihrer Tante akzeptiert. Gemobbt, bestenfalls ignoriert watschelt sie durch eine unrühmliche Kindheit.
   Dann hinterlässt ihr die Tante ein Erbe von 2000 Dollar unter der Bedingung, dass sie 50 Kilo abnimmt. Überraschenderweise schafft sie dies nach und nach. Ein neues Leben in Sichtbarkeit beginnt. Aus der unansehnlichen Mottenkugel im Kinderballett ist ein attraktiver Schmetterling geworden. Sie bricht ihr bisheriges Leben komplett ab, erfindet sich neu mitsamt den dazu passenden Lebensgeschichten und emigriert nach England.
    Dort verdient sie etwas Geld mit Groschenhefterzählungen. Sie heiratet, verheimlicht ihre wahre komplexe Identität und verwickelt sich in weitere Lügengespinste, immer in Furcht vor Entdeckung. Bis sie als Schriftstellerin mit einem Roman ans Licht der Öffentlichkeit katapultiert wird, dessen Details vermeintliche Versatzstücke ihres eigenen Lebens darstellen. Die Schilderungen aus dem Milieu der Politaktionisten und der Selbstinszenierung der Künstler in der Vernissagewelt sind in ihrer Überzeichnung unterhaltsam. Die Protagonistin fühlt sich bedroht und entzieht sich durch eine ausgeklügelte Startegie.
   Alles nur ein genialer Marketinggag ihres gewieften Verlags? Die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, Margaret Atwood,  erweist sich jedenfalls als geschickte Konstrukteurin eines unterhaltsamen Plots. 
 
Margaret Atwood, Lady Orakel, Piper
 
Helga Widmaier
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