Leichen im Keller

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Eine makabre Geschäftsidee macht Britta und ihren Partner Babak reich.
   Das Unternehmen nennt sich Brücke und bewegt sich im rechtlichen Graubereich. Mit einem genialen selbstgeschriebenen Computerprogramm fischt Babak potentielle Selbstmörder aus dem Internet. Das mehrstufige Therapieprogramm der Brücke bringt die meisten der Klientel für eine zweite Chance ins Leben zurück. Doch das eigentlich Infame sind die hartnäckigen Fälle, die Untherapierbaren, die die Brücke auf einen Heldentod vorbereitet, wenn sich schon der Todeswunsch nicht wegtherapieren lässt. Ein Exitus mit Sinn gibt dem Freitod gebührende Würde und wenn nicht Nachruhm, so doch etwas Glanz.  Die professionelle Vermarktung des Todes lässt sich die Brücke bezahlen.
    Nach außen stehen die Geschäftspartner glänzend da, jung, erfolgreich. Was sich hinter den unauffälligen Geschäftsräumen verbirgt, weiß keiner so genau. Plötzlich kriegen die beiden Unternehmer kalte Füße, als ein Attentat auf dem Güterbahnhof Leibzig passiert, das so stümperhaft wie es ausgeführt ist, doch von weitem an ihre Handschrift erinnert. Konkurrenz auf diesem sensiblen Feld, das geht gar nicht. So macht sich Britta auf die Suche. Aus ist es mit dem komfortablen Leben hinter der undurchsichtigen Fassade. Der Krimi nimmt seinen Lauf, Verfolgung, Abtauchen, brutale Geiselnahme. 
   Die Story spielt in einem von Populisten regierten Nach-Merkel-Deutschland im Jahr 2025. Unmerklich werden demokratische Grundrechte beschnitten. Desillusioniert von der politischen Situation kümmern sich die Protagonisten kaltblütig um ihre geschäftlichen Vorteile. Der Erfolg scheint sie auf der ganzen Linie zu bestätigen.
   Eine überraschende Wendung in der Handlung verschlägt dem Leser beinahe den Atem. Juli Zeh erweist sich als versierte Krimischeiberin. So verweigert sich Britta einem verlockenden politischen Putschangebot, das ihr geradezu auf einem Silbertablett serviert wird. Sie gibt ihr Geschäft auf und zieht sich ins neu wiederentdeckte liebevolle Heim mit Mann und Kind zurück und genießt die Normalität. Wie lange sie ihre Leichen im Keller halten kann, bis diese sich in ihr Gewissen zurück kämpfen, bleibt offen.
 
Juli Zeh, Leere Herzen. München: Luchterhand 2017
 
 
Helga Widmaier
 
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