Im Bann des Dschihad

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Norwegens renommierte Journalistin Åsne Seierstad hat ein fundiertes Sachbuch beschrieben, das sich spannend wie ein Roman liest.
   Sie geht der Frage nach, was Teenager im friedlichen Norwegen dazu treibt, sich dem Dschihad anzuschließen. Anhand von E-Mail-Nachrichten, Interviews mit Familie, Freunden, Lehrer sucht sie Spuren der Radikalisierung der beiden Schwestern Ayan und Leila. Verzweifelt versucht deren Familie, die Töchter auch gegen ihren Willen wieder aus Syrien zurückzuholen.
    Als kleine Kinder emigrierten die beiden Mädchen mit ihrer Familie aus dem somalischen Bürgerkrieg. Als Afrikanerinnen bleiben die begabten Mädchen in ihrer neuen Umgebung isoliert. Hinzu kommt die Angst der Mutter, dass die Kinder zu sehr verwestlichen könnten. Sie engagiert auf Empfehlung der Moschee einen jungen Koranlehrer, der salafistisches Gedankengut an die Kinder heranträgt. Bei Ayan und Leila fällt die extreme Auslegung des Koran auf fruchtbaren Boden. Sie wollen nur noch in einer wirklich islamischen Gesellschaft leben und zur Ausbreitung des wahren Glaubens beitragen. Sie verachten die westliche Gesellschaft, ja das ganze diesseitige Leben überhaupt. Für sie zählt nur das Jenseits. Die Mädchen steigern sich immer weiter in ihre extremen Ansichten hinein. Sie führen einen unerbittlichen Kampf gegen die Schulregeln, die ihnen nicht genug Raum für das Ausüben ihrer Religion lasse.
   Es ist nur schwer nachvollziehbar, dass die selbstbewussten kämpferischen Mädchen für sich eine traditionelle Frauenrolle im islamischen Staat akzeptieren. Als Ehefrau, die sich dem Mann unterwirft und ausschließlich im Haus arbeitet, züchtig verhüllt im schwarzen Niqab, bereiten sie ihren Männern Pfannkuchen mit Nutella zu und tauschen untereinander Kochrezepte im Internet aus. Mit schockierender Gefühlskälte kommentieren sie die brutalen Taten im islamischen Staat. Sie leben privilegiert in Raqqa in konfiszierten Häusern mit Garten und voll ausgestatteten Wohnungen, ohne sich Gedanken zu machen über das Schicksal der syrischen Bewohner, die dort zuvor gelebt hatten. Ganz selbstverständlich ihnen zustehend empfinden sie die großzügige Rente, die ihnen der islamische Staat zukommen lässt. Sollte der Ehemann nicht mehr aus einem kriegerischen Einsatz zurückkommen, stehen sie für die Ehe mit dem nächsten Mudschaheddin zur Verfügung.
   Ihre Herkunftsfamilie zerbricht beinahe daran, dass die Töchter ins syrische Kriegsgebiet gezogen sind. Sie verschuldet sich mit den Reisen des Vaters in die Türkei und nach Syrien. Der ältere Bruder entfremdet sich von der Religion, die ihm seine Schwestern weggenommen hat. Die Mutter beauftragt den Vater, ihr die Töchter wieder zurückzubringen. Sie lebt mit den kleinen Buben wieder einige Zeit in Somalia, wo sie im Kreis ihrer eigenen Geschwister und deren Familien aufblüht, die sie um sich geschart hat und für deren Lebensunterhalt sie mithilfe der Sozialhilfe aus Norwegen aufkommt. Der Vater entkommt mit knapper Not Tod und Folter bei den erfolglosen Rettungsversuchen für seine Töchter.
   Die Autorin hat auch die zeitgeschichtlichen politischen Ereignisse in Syrien und in den Grenzgebieten gut recherchiert, so dass der Leser einen Eindruck von den Hintergründen erhält, die zu der verworrenen Lage und den brüchigen Allianzen der kriegführenden Parteien geführt hat. Die Schmuggler haben sich auf ihre Art mit den wechselnden Gegebenheiten eingerichtet und versuchen möglichst mit Gewinn zu überleben.
   Seierstad beschreibt die Jahre der beiden Schwestern in Norwegen bis zu ihrer ersten Zeit im islamischen Staat ohne verurteilende Bewertung. Auf eine Kontaktanfrage der Journalistin, die gern eine eigene Stellungnahme der Schwestern zu ihren Beweggründen gehabt hätte, haben diese nicht reagiert.
 
 Åsne Seierstad, Zwei Schwestern. Im Bann des Dschihad. Zürich, Berlin: Kein und Aber 2017, 505 Seiten, + aufschlussreichen Nachwort der Autorin, 26,—€
 
Helga Widmaier
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