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"Gift" in der Johanneskirche

"Gift" in der Johanneskirche

Das Theater der Stadt Aalen inszeniert in der Johanneskirche ein bemerkenswertes Theaterstück über den Verlust der Liebe.

Ein großes oder nur ein fades Thema? Regisseur Tonio Kleinknecht sowie die beiden Schauspieler Diana Wolf und Philipp Dürschmied sorgen mit Lot Vekemans "Gift" jedenfalls für eine spannende Ehegeschichte.Die kleine Kirche liegt gleich neben dem Friedhof. Der passende Ort, ist doch der Jahre zurückliegende Tod eines Jungen in dieser Geschichte Dreh- und Angelpunkt. Kerzen am Wegrand begleiten den Weg der Theaterbesucher in die St. Johann Kirche. Wobei sich rasch zeigt: Diese Premiere ist anders als die anderen, denn heute schweigt das Publikum. Fast betretende Stille herrscht in dem alten Gemäuer. Ein junger Mann tritt ein, zieht zunächst alle Blicke auf sich. Doch Fehlalarm, er ist nur ein verspäteter Gast. Erneut kehrt Stille ein. Alles schaut auf Schauspieler Philipp Dürrschmied, der alleine auf einem Stuhl sitzt. Auch er scheint zu warten.


Minuten vergehen, nichts passiert. Wie aus dem Nichts meldet sich sacht die Orgel zu Wort, langsam anschwellend mit sonorem Klang. Aus dem Brummton heraus arbeitet sie sich die Tonleiter hinauf, die Jugendkantorei stimmt eine traurig klingende Melodie an. Urplötzlich bricht die Musik ab, die Kirchentür wird aufgerissen und herein schneit die Zweite im Bunde: Diana Wolf. "Er" und "Sie", ein namenloses Ehepaar, das sich seit der Trennung nicht mehr gesehen, nicht mehr miteinander gesprochen hat. Hier in der Kirche treffen sie sich erstmals wieder, da ihr verstorbenes Kind umgebettet werden muss. Im Friedhofsboden sei Gift gefunden worden, heißt es. Wie sich herausstellt, eine Finte der Exgattin, um das Treffen zu arrangieren.


Umso überraschender, dass beide nach so vielen Jahren lediglich ein belangloses Gespräch beginnen. Unübersehbar ist indes, sie belauern sich, hadern noch immer mit ihrer gescheiterten Beziehung. Erinnerungen an Avery Cormans Roman "Kramer gegen Kramer" werden wach. Noch eines dieser mittlerweile abgedroschenen Duelle zweier Ex-Partner? Ganz und gar nicht, wie der Abend beweist, denn im dicht gewebten Dialog entwickelt sich ein aufwühlendes Kammerspiel, eine eindringliche Auseinandersetzung um die Unberechenbarkeit des Lebens.

 2 Foto Marcel Diemer

Manchmal muss man durch Dornen gehen, um Rosen zu erreichen, weiß der Volksmund. Kleinknecht führt seine beiden Protagonisten behutsam mitten hinein in diesen Prozess. Unübersehbar voneinander entfremdet, belauern sie sich, legen die Worte des anderen auf die Goldwaage, analysieren Gesichtsausdruck und Körperhaltung. "Ich tue etwas, was ich nicht tun will", stellt "Er" noch fest, bevor beide unaufhaltsam in wohlbekannte, aber riskante Untiefen vergangenen und gegenwärtigen Lebens abtauchen. Sie kämpfen dabei um ihre Selbstbeherrschung, schwanken  zwischen Zynismus und Vorwürfen - immer vom Wunsch getrieben, das ihnen auferlegte Schicksal zu verstehen.


3 Foto Marcel DiemerDer Tod des Kindes bestimmt das Dasein:  Der Augenblick, als in der Klinik die lebenserhaltenen Maschinen abgeschaltet wurden, die Minuten, die es dauerte, bis es starb. Beide hat der Tod zermürbt, die Liebe erkalten lassen. Ihm gelingt aus der Resignation heraus ein Neuanfang. Er habe mit dem Schicksal seinen Frieden geschlossen, wird "Er" zu seiner Ex-Frau sagen. "Um weiterzuleben!" Ein Weckruf, den "Sie" nicht hören will und kann, rauben ihr doch Schmerz und Verzweiflung fast den Verstand. Dennoch nutzen sie die gebotene Zeit in der Kirche, um sich ihrer Gefühle zu vergewissern, um sich nochmals der Vergangenheit zu stellen. Sie trauern gemeinsam, halten sich gegenseitig in der Hoffnung, das erlittene Leid ertragen zu können.

Dem immer wiederkehrenden Schlagabtausch zum Trotz, Lot Vekemans "Ehegeschichte" bleibt dank geschickter Dramaturgie (Tina Brüggemann) in jeder Sekunde ergreifend, ohne mit billigem Befindlichkeitsgerede den verlogenen Ton einer Seifenoper zu bemühen. Dazu bei trägt sicherlich auch der Aufführungsort, die St. Johann Kirche sowie Kleinknechts unspektakuläres Herangehen an die Inszenierung. Dadurch dass er die Geschichte bedächtig dem unvorhersehbaren Höhepunkt entgegenführt, können sich Emotionen entfalten, Empathie breit machen. Einem begreifliches wie berührendes Ende bahnt sich an. Unerlässlich hierbei: die Musik. Thomas Haller und die Jugendkantorei kommen bei der inneren Verarbeitung des für Eltern wohl schlimmsten Ereignisses eine bestimmende Rolle zu, da Musik und Gesang das einschneidende Geschehen auf eine höhere Ebene der Verinnerlichung heben. "Musik drückt aus, was nicht gesagt werden kann", wusste Victor Hugo. In "Gift" eröffnet sie zwei Menschen, für die keine gemeinsame Zukunft mehr möglich ist, wenigstens eine neue Lebensperspektive.

4 Foto Marcel Diemer

Fotos: Marcel Diemer


INFO
"Lot Vekemans "Gift. Eine Ehegeschichte" wird in der Aalener St. Johann Kirche erneut aufgeführt am: 19.; 20. und 26. Februar jeweils um 20 Uhr.
Weitere Termine finden sich unter www.theateraalen.de 

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