Absolut mehrdimensional Empfehlung

Der Clown Petruschka (Tiago Alexandre Fonseca) träumt vom Loch in der Mauer, vor dem die Akrobatin Ptitschka (Pauliina Räsänen) schwebt. Der Clown Petruschka (Tiago Alexandre Fonseca) träumt vom Loch in der Mauer, vor dem die Akrobatin Ptitschka (Pauliina Räsänen) schwebt. Fotos: Iko Freese / drama-berlin.de

Wenn Sie sich etwas richtig Gutes tun wollen – gehen Sie in die Komische Oper in Berlin.

    Speziell in die Doppelinszenierung des „Petruschka“ von Igor Strawinsky und „L’Enfant et les Sortilèges“ von Maurice Ravel. Wie bei der zauberischen „Zauberflöte“ gehen zweite und dritte Dimension Hand in Hand; mehr noch, sie durchdringen sich. Man sieht, und hört und staunt. Was sich auf und vor der bühnenhohen Leinwand abspielt. An hinreißend animiertem Comic und spektakulär komischer Artistik. Strawinsky schildert in seiner Burleske ein buntes Jahrmarktstreiben. Im Mittelpunkt steht ein düsterer Gaukler, der durch seine Magie drei Holzpuppen zum Leben erwecken kann – um es ihnen zur Hölle zu machen. Während sich die Akrobatin Ptitschka und der Muskelmann Patap in ihr Schicksal fügen, nimmt der Clown Petruschka Reißaus. Doch seine Freiheit währt nicht lange. Der Puppenmeister erwischt ihn und sperrt ihn ein.

    Seine immer wieder scheiternden Fluchtversuche, die er in einer Strichliste auf der weißen „Wand“ dokumentiert, bestimmen fortan das Geschehen. Ein Barcode, dessen letzter Strich den Tod als Ausweg weist. Als Geist indes gewinnt er die Freiheit wieder, schwebt vom Schwarzweiß des Kerkers (der Puppenbox) wie eine Chagallfigur ins Bunte des Jahrmarkts, wo sein Erscheinen den bösen Puppenmeister umwirft. Zur flirrenden Ballettmusik Strawinskys, die C- und Fis-Dur zu fesselnder Dissonanz parallel setzt, gibt Tiago Alexandre Fonseca den Petruschka als chaplinesken „Loser“. Pauliina Räsänen und Slava Volkov wiederum zelebrieren in prägnantem Gegensatz dazu ästhetische Akrobatik auf hohem Niveau.

     Für dieses perfekte Zusammenwirken von Realität und Animation sorgt unter der Spielleitung von Esteban Muñoz wieder das Team „1927“ mit Suzanne Andrade und Esme Appleton (Regie) und Paul Barrit  (Animation). Angemessen zum Klingen bringt Strawinskys kühne Musik Jordan den Souza mit dem Orchester der Komischen Oper. In der Fantaisie lyrique „L’Enfant et les Sortilèges“ von Maurice Ravel kommen noch die Chorsolisten und der Kinderchor sowie die Komparserie der Komischen Oper hinzu.

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Nadja Mchantaf spielt das böse Kind, das mit seineen Missetaten konfro

     Allein dieser personale Aufwand weist darauf hin, dass diese Geschichte vom bösen Kind weitaus komplexere Züge trägt. Während Strawinsky ohne Worte auskommt, singen bei Ravel das Libretto von Colette nicht nur der Tunichtgut und dessen strenge Mutter, sondern auch Tiere, Möbel, Pflanzen und eine Teekanne. Der Musik entsprechend, fallen auch die Animationen malerischer aus. Ohne die lebensgefährlichen Situationen zu verharmlosen, mit denen das von all den Tieren, Sachen und Pflanzen, an denen es sein Mütchen gekühlt hat, bedrängte Kind auf seinem Läuterungsprozess konfrontiert wird.

     Die Moral beider Geschichten lautet: was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Und das Schöne daran: Der moralische Zeigefinger bleibt außen vor. Seinen Reim über diese poetischen Meisterwerke hinaus, muss sich jeder selbst machen. 

Wolfgang Nußbaumer

Info: Weitere Gelegenheiten dazu bestehen Fr,19. 01., 11 Uhr und So, 28.01., 18 Uhr.  Karten: Telefon (030) 47 99 74 00 | Fax 90
Mo–Sa 9–20 Uhr | Sonn- & Feiertage 14–20 Uhr; E-mail: karten@komische-oper-berlin.de 

 

 

         

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