Alles andere als "fatale" Empfehlung

Alles andere als "fatale" Foto: Schaefer

Schade, dass Sylvain Cambreling nach dieser Spielzeit den Dirigentenstab des Staatsorchesters Stuttgart weitergibt.

Der geschmeidige Franzose hat sich zunächst schwer getan; weniger mit dem Orchester als mit dem weit mehr in der Tradition verhafteten Publikum der Landeshauptstadt. Beim Neujahrskonzert im ausverkauften Opernhaus durfte er sich mit seinen Musici indes über mit etlichen „Bravos“ gewürzten, reichen Beifall freuen.

    „So klingt Vielfalt“ hatte der Generalmusikdirektor den kunterbunten Stückestrauß überschrieben. Und damit nicht untertrieben. Strauss war natürlich dabei, der Richard, mit zwei Minuten „Liebeshymnus“, intoniert von der Sopranistin Mandy Fredrich. Die anderen Sträusse sind für das Neujahrskonzert des Wiener Musikvereins reserviert. Für die Stuttgarter Versionen klängen sie auch zu konventionell. Zumal das Staatsorchester mit Noten jonglieren kann wie einst Rastelli mit den Bällen.  „Es kann einfach alles“, stellt auch Opernintendant Jossi Wieler fast schon demütig fest. Sogar das: „Es schenkt das Glück erfüllter Gegenwart.“  Und das seit 425 Jahren. Mehr geht nicht.

     Dieses universelle Vermögen legt Cambreling durch sein zupackendes Dirigat offen. Komplexeste Kompositionen entwickeln sich kristallklar. Der Franzose setzt auf Transparenz, nicht auf die dem Gemüt schmeichelnde Emotionalität der Musik. Er legt die Mechanismen frei, die das Wohl-Gefühl hervorrufen. Man fühlt sich wohl und erkennt zugleich warum. Distanz, die Nähe schafft. Camberling und sein Orchester spielen nichts vor, sondern nehmen mit. Selbstbewusst erfüllen sie ihre dienende Funktion. Wer schlecht hört, kommt dennoch auf seine Kosten. Denn dieser Dirigent, der seinen Taktstock wie ein Torero seinen Degen und ein Dompteur seine Gerte führt, ist der personifizierte Klangkörper. Er setzt die Musik in Bewegung um – und umgekehrt.

     Richard Wagners Vorspiel zum 3. Akt aus dem „Lohengrin“ erfüllt in der Interpretation des Staatsorchesters ebenso wenig die Erwartungen an typischen Wagnerklang, wie Verdis Ouvertüre zur „Macht des Schicksals“. Es geht um den Gehalt dieser Musik. Erwartung und Ausführung gehen bei „Königliche Jagd und Sturm“ aus „Les Troyens“ von Hector Berlioz hingegen Hand in Hand. Das Orchester dampft und vibriert, huscht auf Samtpfoten ins brachiale Fortissimo, zieht sich zurück wie ein Lufthauch – Dynamik in Perfektion. Und niemand käme auf die Idee, hier könne Effekthascherei betrieben werden.

    Erst recht nicht bei Helmut Lachenmanns Uraufführung seiner „Marche fatale“ für Orchester, ein Riesenorchester. Von der 1. Geige bis zum Glockenspiel. Der auch im Wortsinne große Komponist hat sich einen „musikalischen Spaß“ erlaubt, der allem von ihm an Innovationen erwarteten Experimenten Hohn spricht. Er überführt einen üblicherweise mit dem Militär konnotierten Marsch durch nachgerade rabiate, rhythmisch und melodisch übersteigerte Variationen in den anarchischen Gegenentwurf.  Der Kontrapunkt zum Triumphmarsch. Bis der letzte tiefe Ton im Dunkel der Zeit verklungen ist.

   Danach hat Lachenmann gut lachen. Der Riese ist fast aus dem Häuschen, möchte gar die erste Streicherreihe an die breite Brust drücken. Wo der Verweigerer traditioneller Hörerwartungen doch betroffen sein müsste über den Beifallssturm. Nein, er hat alles richtig gemacht mit der Partitur, die er „seinem“ Staatsorchester aufs Pult gelegt hat. Nie klang „Schräges“ besser. Deshalb haben Cambreling und seine Kapelle diese „Marche fatale“ gleich nochmals gespielt. Und nochmals von mir aus.

   Mit Beethovens Fünfter, der  „Schicksalssinfonie“, spinnt der GMD mit seinem Orchester Lachenmanns musikalischen Faden nach der Pause weiter. So klingt die Staatskapelle also als Sinfonieorchester. Prima ohne wenn und aber. Cambreling geht das epochale Werk nach Art des Hauses ziemlich flott an und bleibt seiner kristallinen Linie treu bis zur gebrochenen Klimax im finalen Allegro.

 

Wolfgang Nußbaumer

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