Bezlers weiter Horizont Empfehlung

Zum letzten Mal hat Prof. Willibald Bezler "seinen" Oratorienchor dirigiert. Als intensiv gestaltende Sopransolistin hat Tochter Nicola Hallstein mitgewirkt. Zum letzten Mal hat Prof. Willibald Bezler "seinen" Oratorienchor dirigiert. Als intensiv gestaltende Sopransolistin hat Tochter Nicola Hallstein mitgewirkt. Foto: Peter Schlipf

Nach 51 Jahren gibt Willibald Bezler den Taktstock als Leiter des Oratorienchors Ellwangen weiter.

Sein letztes Konzert „in paradisum“ mit Mozarts „Requiem“ im Mittelpunkt in der ausverkauften barocken evangelischen Stadtkirche durften die Zuhörerinnen und Zuhörer als eine bravouröse Bilanz gemeinsamen Schaffens erfahren. Sie dankten es dem Kirchenmusikprofessor und allen Mitwirkenden mit Minuten langem enthusiastischem Beifall.

    Egal, wer Willibald Bezler nachfolgen wird, er muss riesige Fußstapfen ausfüllen. Wie in einem Brennglas hat er mit seinem imposanten und auch nach 51 Jahren noch immer so wunderbar frisch klingenden imposanten Chor, dem musizierfreudigen Ensemble musica viva Stuttgart, den vier sich stimmlich fugenlos einfügenden Vokalsolisten und jenen an den Instrumenten das ganze Spektrum seiner künstlerisch umfassenden Handschrift fokussiert: Das Pastose und das Leuchtende, das Sanfte und das Kantige, das Dunkle und das Grelle, das Gelassene und das Aufbrausende – welchen Farbenreichtum hat der begabte Maler diesen Musiken abgelauscht. Und mit feiner, doch zwingender Stabführung in den barocken Klangraum gemalt.

    Fesselnd ist er gewesen, dieser Dialog zwischen Mozarts empathischer Todesfuge und der Musik des 20. Jahrhunderts. Zwei der vier zeitgenössischen Werke stammen aus der Feder des Dirigenten. In dem 2011 entstandenen Violoncello-Solo „Es sungen drei Engel ein’ süßen Gesang“ schreitet Stefan Kraut als Auftakt in klanglicher Askese die Tonleiter vom Fuße bis zum Gipfel aus.

   Der Tenor Hitoshi Tamada gestaltet im gleichen Duktus Klaus Hubers apokalyptisches „Traumgesicht“ aus der „Offenbarung“ für Männerstimme allein von 1971 mit einer fröstelnden Intensität. Kongenial dazu interpretiert die Altistin Meike Boltersdorf ein (a)tonal ebenso weit gespanntes Stück in memoriam Luigi Nono der südkoreanischen Komponistin und Hubers Lebensgefährtin Younghi Pagh-Paan.

   Den harmonisch „süßen Gesang“ erlebt das Publikum dann in der machtvollen Erhabenheit des „Requiem aeternam“ ebenso wie im Furor des „Dies irae“. Angeführt von dem satten Bass Teru Yoshiharas vereinigen sich die Stimmen der vier Vokalsolisten im innigen Gebet des „Recordare, Jesu pie“, bevor Chor und Orchester mit dem düster verhangenen „Confutatis maledictis“ und dem sich herrlich zu einem machtvollen Forte aufschwingenden und von einem zarten „Amen“ aufgefangenen „Lacrymosa“ wieder das Singen haben. Wie im strahlenden „Sanctus“ und dem finalen „Lux aeterna“ mit seinem Todeshauch.

   Ein leuchtendes Kleinod neuer Musik aus eigener Feder hat Bezler mit dem „Zebaoth für Sopran und kleines Schlagzeug“ zu einem Text von Else Lasker Schüler zwischen „Benedictus“ und „Agnus Dei“ platziert. Sanftkantig das Ton- und Percussiongeflecht, das die Bezler-Tochter und Sopranistin Nicola Hallstein und der Schlagzeuger Joseph Ott knüpfen.

    Zu Tränen gerührt haben der Oratorienchor und das Instrumentalensemble schließlich mit der in traumhafte Harmonien gefassten schlichten Frömmigkeit der Motette „Ave verum corpus“. Danke!   

 

Wolfgang Nußbaumer 

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