Inbegriff des Bösen?

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Inbegriff des Bösen?

Ingeborg Gleichauf hat im Dorfhaus in Bartholomä ihr Buch über Gudrun Ensslin „Poesie und Gewalt“ vorgestellt.

   Sie war für weite Teile der Gesellschaft in den 1970er Jahren Inbegriff des Bösen: Gudrun Ensslin, neben Andreas Baader und Ulrike Meinhof einer der drei führenden Köpfe der Rote Armee Fraktion. Auch wer wie Bürgermeister Thomas Kuhn damals noch Kind war, kann sich an die Fahndungsfotos erinnern und an die Schreckensmeldungen im Fernsehen, wenn wieder ein Anschlag verübt oder eine Flugzeugmaschine entführt worden war. Das habe Ängste „auch bei dem kleinen Thomas“ ausgelöst, erinnert sich der Schultes.

   Warum 40 Jahre nach Gudrun Ensslins Selbstmord im Stammheimer Hochsicherheitstrakt ein neues Buch über die Terroristin? Mit dieser Frage beginnt der Redaktionsleiter der "Gmünder Tagespost", Michael Länge, das Gespräch mit Ingeborg Gleichauf. Sie habe die Terroristin schon lange im Blickfeld gehabt, erzählt die Freiburger Autorin, weil sie sehr viel weniger im Bewusstsein der Öffentlichkeit sei als etwa Ulrike Meinhof. Auch das Bild der bösen Person habe sie aufgewühlt, weshalb sie sich schließlich selbst einen Zugang zu diesem extremen Leben verschaffen wollte. Auch die Zeit sprach vermutlich für diese neue Biografie: 2017 liegt der deutsche Herbst 40 Jahre zurück. Und mit diesem Jahrestag gedeihen feste Zuschreibungen, die einer solch komplexen Persönlichkeit wie Gudrun Ensslin nicht gerecht werden.

   Eine dieser Zuschreibungen hat mit Ensslins Herkunft zu tun: Sie wurde als viertes von sieben Kindern 1940 in Bartholomä in eine Pfarrersfamilie geboren und verbrachte ihre ersten acht Lebensjahre in dem Dorf am Albuch – ein strenger Pastorenhaushalt habe das Kind verbogen, lautet einer dieser vorschnellen Schlüsse. Ingeborg Gleichauf hat in ihrer zwei Jahre dauernden Recherche diesen ersten Lebensjahren in dem „Dorf am Rande des Himmels“ nachgespürt und kommt zu dem Schluss, diese frühe Kindheit müsse trotz Krieg behütet gewesen sein. „Alle, die sich an sie erinnern, beschreiben sie als fröhlich, freundlich und zugewandt.“

   Unter den rund 120 Zuhörern waren auch einige Zeitzeugen zugegen, die Tochter des damaligen Mesners etwa, die mit Gudrun unbeschwert gespielt hat, oder Richard Haller, der mit Gudruns Vater auch in späteren Jahren in Kontakt blieb, als Helmut Ensslin gerne an den Ort seines früheren Wirkens zurückkam und malte. Sie und mit ihnen alle Zuhörer folgen Gleichaufs behutsamer Annäherung wie gebannt. Immer wieder weist die Autorin redlich auf die dürftige Faktenlage hin, manches bleibe verwischt, manche Frage auch offen. Dennoch folgt man ihrer „Montage der Kindheit“ ohne zu zögern.

   Die nächste Station ist 1948 Tuttlingen, wo der Vater eine neue Stelle antritt. Hausmusik auf hohem Niveau steht auf dem Plan. Das Mädchen wird von den Weggefährtinnen als disziplinierte, intelligente und leistungsstarke Schülerin beschrieben, beliebt bei den Mitschülern. Der nächste Ortswechsel führt die Familie zehn Jahre später nach Bad Cannstatt, wo sie am Königin-Katharina-Stift die Reifeprüfung ablegt. „Die Tür in eine wunderbare Zukunft stand weit offen“, konstatiert Gleichauf.

   Dann kommen die Tübinger Jahre. Ein politisches Bewusstsein habe sich hier zwar noch nicht ausgebildet, aber existentialistisch sei diese Phase gewesen: Was will der Mensch, in welcher Zivilisation leben wir, lauten die Fragen. In Tübingen lernt Gudrun Ensslin Bernward Vesper kennen, Sohn des Nazidichters Will Vesper und Vater ihres Sohnes Felix. Ihn gibt sie kurze Zeit später in eine Pflegefamilie, weil sie in den Untergrund geht. Mit Vesper gründet sie einen Kleinverlag und gibt den Gedichtband „Gegen den Tod. Stimmen deutscher Schriftsteller gegen die Atombombe“ heraus.

   Nach einem einjährigen Intermezzo an der Gmünder PH – leider bleibt dieses Jahr in der Biografie weitgehend ausgespart – siedelt sie nach Berlin über. Mittlerweile ist sie Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes und forscht über Hans Henny Jahnn. In Berlin lernt sie den Anarchisten und Enfant terrible Andreas Baader kennen – für Gleichauf zwar nicht Hauptursache für die Radikalisierung, aber doch ein wichtiger Faktor. Die Entwicklung, die Gudrun Ensslin in Berlin durchlaufen habe, sei die vom Denken zum Handeln gewesen.

   Die erste Tat erfolgt 1968 in Form der politisch motivierten Kaufhaus-Brandstiftungen, mit denen sie auf den Völkermord in Vietnam hinweisen wollen und den Konsumismus anprangern, der das Bewusstsein lahmlege. Die Fronten zwischen RAF und Staat verhärten sich in der Folge. Gleichauf fragt, ob der Weg ein anderer hätte sein können, wenn der Staat in diesem anfänglichen Stadium nicht mit Härte, sondern mit einer offeneren Gesprächskultur und mit Diplomatie reagiert hätte. „Jede Form von Terrorismus spiegelt Gesellschaft wider“, sieht sie zudem eine Wechselwirkung. Nachdem es bei weiteren Aktionen erste Tote gibt, ist bald keine Umkehr mehr möglich. Die begabte, sprach- und literaturaffine junge Frau wird kalt und kompromisslos.

   Auf die Frage Michael Länges, ob sie Gudrun Ensslin rehabilitieren wolle, wird die Autorin vehement: „Auf keinen Fall.“ Doch man solle sich mit diesem Menschen beschäftigen, auch wenn er einen Weg eingeschlagen habe, der in die Irre führt. „Die Tat war falsch, was sie aber zeigen soll: Es stimmt etwas nicht im Staat“ – eine Aussage, die früher vermutlich sehr stark provoziert hätte, an diesem Abend aber zum Nachdenken anregte.

Birgit Markert

Ingeborg Gleichauf, Poesie und Gewalt, Das Leben der Gudrun Ensslin, Klett-Cotta, Stuttgart 2017, 22 Euro

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