Heißes Jazzerherz Empfehlung

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"Mr. Jazzfest" Ingo Hug "Mr. Jazzfest" Ingo Hug Fotos: Benedikt Walther

„Aber wir kriegen’s hin“, sagt Ingo Hug. Die Finger sind ganz ruhig, mit denen er sich eine Zigarette dreht, während im Jazzfestbüro schon wieder das Telefon klingelt.

Schnee von gestern. Wenn Sie dieses Magazin lesen, freut sich der künstlerische Leiter des Aalener Jazzfestes und Vorsitzende des „kunterbunt e.V.“ nach der 26. erfolgreichen Auflage des Festivals auf seinen Urlaub. Möglichst auf einem sonnigen Fleckchen Erde.

    Begonnen hat die Vorbereitung des Festivals schon vor einem Jahr. „Fastnacht beginnt nach Aschermittwoch, das ist beim Jazzfest nicht anders“, stellt Ingo Hug lapidar fest. Und schon jetzt macht er sich Gedanken um das 27. Fest. Wie werden die Rahmenbedingungen aussehen. Wird er weitere Sponsoren gewinnen können. Denn ohne Geld aus der Wirtschaft ist kein Staat und schon gleich kein Jazzfest zu machen. Die Stadt Aalen hat dieses Jahr das Festival mit 75 000 Euro gefordert. „Die Sicherung der Finanzierung beschäftigt einen eigentlich das ganze Jahr über“, gesteht Ingo Hug. Und das immer mehr. „Die Probleme werden insofern größer, als sich der ökonomische Druck von Jahr zu Jahr verstärkt.“

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Candy Dulfer

 

     Er könnte leichter planen, wenn er mit der Bereitschaft der Künstler rechnen könnte, ihre Honorarvorstellungen an realistischen Eintrittsgeldern und Publikumszahlen und nicht an der vermeintlich goldenen Sponsorenhand zu orientieren. Ohnehin schlagen die Logistikkosten heftig zu Buche. Flüge über den großen Teich sind teuer. Und das Gros der spannenden innovativen Typen wohnt eben nicht gleich nebenan.

   „Es macht uns nach wie vor Spaß“, beteuert der „kunterbunt“-Vorsitzende dennoch. „Immerhin ist es eine schöne Sache für das Publikum, für uns, für die Sponsoren und für sie Stadt, die ja durchaus wirtschaftlich profitiert“. Für diesen „Spaß“, an dem so viele ihre Freude haben, hat ihn die Stadt Aalen beim 26. Jazzfest mit ihrer  großen Ehrenplakette in Silber ausgezeichnet.

     Bis dahin hat Ingo Hug einen weiten Weg zurückgelegt. 28 Jahre sind es her, dass der Weinbau-Student mit sechs weiteren Kommilitonen in seiner Heimatstadt Ellwangen einen Verein gegründet hat, um das kulturelle Angebot in der Region zu erweitern.  Schon zwei Jahre später haben die Jungs für eine Sensation gesorgt: Die Jazz-Ikone Miles Davis ist im Frühjahr 1991 in der Stadthalle Aalen aufgetreten. Es war eines der letzten und vermutlich der besten Konzerte des introvertierten Trompeters. Wer sonst noch in den folgenden Jahren beim Festival und anderen vom Verein  getragenen Konzerten aufgetreten ist, liest sich wie ein Who is Who des zeitgenössischen Jazz.

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Nina Attal

 

   Wenn er im Januar aus der verdienten Erholung „irgendwo wo Sonne ist“ wieder nach Aalen zurückkommt, hängt er sich ans Telefon, schreibt Briefe, kontaktet Künstler und Agenturen, klappert andere Festivals ab, tauscht sich mit deren Organisatoren aus und hört sich neue Produktionen an. Dadurch hält er sich auf der Höhe des Geschehens, wobei er einräumt, dass es immer schwieriger wird, wirklich Neues an Land zu ziehen. Ähnlich wie die Popmusik drehe sich auch der Jazz weitgehend im Kreise, von Ausnahmen abgesehen.

    Sei’s drum, der „kunterbunt e.V.“ und sein Vormann verfolgen unbeirrt ihre Linie, ein breitenwirksames und zugleich qualitätvolles Programm zu stricken. Mit Musik, die groovend und tanzbar junge Leute langfristig zu echten Jazzfans machen könnte und Musik, die dem Stammpublikum wohl in den Ohren klingt.

   Was eigentlich den immer wieder erwähnten „Charme der Provinz“ ausmache, der das Aalener Jazzfest präge, fragen wir dessen Macher. „Im Vergleich mit Den Haag oder Montreux sind wir - von der Größe her - immer noch ein mittleres Festival“,  erklärt Hug. Und das solle auch so bleiben. Denn „es ermöglicht eben die konkrete Chance, dass sich Künstler und Publikum ganz ungezwungen begegnen können. Es gibt viele Konzertbesucher, die hier mit Musikern Freundschaften geschlossen haben.“ Mit dem hünenhaften und viel zu früh verstorbenen Bluesrocker Hiram Bullock, mit dem Trompeter Roy Hargrove, mit Maceo Parker, mit Dieter Ilg, mit Peter Fessler und und und.

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  Das Dieter Ilg Trio und Eckhard Meszelinsky waren auch schon in Aalen zu Gast. Der virtuose Bassist ist quasi Stammgast. 

 

  Während sich Ingo Hug eine weitere Zigarette dreht, spürt man, dass hinter der coolen Fassade doch das heiße Jazzerherz den Countdown mitzählt. „Was die Sache immer wieder spannend macht“, verrät er, „dass an jedem Punkt Menschen im Spiel sind. Dadurch ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten – aber auch nicht vermutete Probleme.“ Wie gut die Möglichkeiten ausgeschöpft und wie zufriedenstellend die Probleme gelöst werden, damit steht und fällt schließlich der Erfolg des Jazzfestes. Wie lauten die letzten Punkte des Ablaufplans im November? „Wenn möglich die Konzerte geniessen!! – AUFRÄUMEN – Rechnungen stellen und leider auch zahlen – Resumee/Bilanz erstellen.“ Wetten, dass sie wieder positiv ausgefallen ist, weil die Möglichkeiten ausgeschöpft und die Probleme gelöst worden sind. Also dann: Bis in einem Jahr.

 

Wolfgang Nußbaumer

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