Tyll - der freche Frager

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Till Eulenspiegel, der Schalk aus dem 14. Jh., der - so die Legende - schlauer war als seine Zeitgenossen und diese gern zum Narren hielt. Sprichwörtliche Redensarten soll er wörtlich genommen und so seine Umgebung veräppelt haben.
 
    Kehlmann hat diesen historischen (?) Till in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges versetzt, also drei Jahrhunderte später. Warum eigentlich? Die Kriegsereignisse spielen eine untergeordnete Rolle im Roman. Was lernt der Leser über den Krieg? Das Kriegsgeschehen liefert lediglich etwas Lokalkolorit. Mag ja die Episode mit der Winterkönigin Liz (Elizabeth Stuart, die Enkelin von Mary), der Gemahlin des Kurfürsten Friedrich V von der Pfalz und diesem selbst, ganz amüsant zu lesen sein. Eine kleine psychologische Studie über die Charaktere der beiden, die jeweils den Gemahl bzw. die Gemahlin vice versa als etwas dumm betrachten, - jedenfalls geistig nicht auf der eigenen Höhe, - und falsche Entscheidungen dem andern in die Schuhe schieben, wie beispielsweise die Annahme der böhmischen Krone, die in Kehlmanns Fiktion Auslöser für den Krieg war. Der herrische machtbewusste Schwedenkönig Gustav Adolf, eine Spielernatur, setzt alles auf eine Karte - wer wagt, gewinnt oder verliert - , doch solange er die Oberhand hat, spielt er seine Macht aus und demütigt den Bittsteller Friedrich.
    Wie politische Intrigen, Interessenskonflikte, Allianzen auf Seiten der Mächtigen mit feinem höfischen Protokoll inszeniert werden, wird kunstvoll in den Schlusskapiteln mit den Gesandten vorgeführt, die seit fünf Jahren tagen und einen Frieden (Westfälischer) aushandeln sollen.
   Was Kehlmann seinem Tyll an Herkunft, Elternhaus, sein vogelfreies Herumziehen als Gaukler an Ausschmückungen angedeihen lässt, braucht den zeitgeschichtlichen Rahmen und die Einordnung in den 30jährigen Krieg nicht. Die Macht von Kirche und Obrigkeit, die Hexenprozesse, deren Höhepunkte im 17. Jh. datieren, lassen sich bereits als Maßnahmen gegen schwarze Magie im 14. Jh. nachweisen.
   Gelungen ist die Gestalt des Müllers Claus Ulenspiegel, des Vaters von Tyll. Er ist der Prototyp des Naturforschers, Autodidakten, Heilers und Gelehrten, der die praktischen Anforderungen des Broterwerbs über seinen Experimenten völlig vernachlässigt. In seinem Besitz befindet sich ein lateinisches Buch. Er gäbe alles daran, dieses Buch lesen und verstehen zu können. Zaubersprüche kennt er und hantiert ein bisschen mit Magie. Seine Wissbegier und sein Forscherdrang werden ihm zum Verhängnis. Jesuitische Gelehrte überführen ihn der Hexerei und verurteilen ihn zum Tod am Galgen. Unziemlich ist sein Stand. Für einen einfachen Müller gehört es sich nicht, sich über existentielle Fragen den Kopf zu zerbrechen. Das ist das Privileg der gebildeten Jesuiten, nicht des einfachen Volkes. So wird im Namen Gottes ein theologisches Exempel statuiert.
   Der Überlebenskünstler Tyll bringt sich mit schonungsloser Beharrlichkeit seine akrobatischen Fertigkeiten bei. Egal wie oft er vom Seil fällt, er probiert es immer wieder auf’s Neue, bis es nach endlosen Versuchen besser gelingt. Spielerisch jongliert er mit Steinen, bis er mit traumwandlerischer Sicherheit fünf, sechs, sieben in die Luft wirft und alle in Bewegung halten kann. Um zu lernen und sich zu verbessern, setzt er sich Schlägen und beständigem Hunger aus. Großartig wird eine Lektion dargestellt, wie sein selbst gewählter gestrenger und grausamer Lehrer Pirmin vermittelt, wie man Menschen nachmacht durch genaues Hinsehen und Übernahme von deren Körperhaltung und Wollen.
   Das Gauklerleben fordert ständige Präsenz, Höchstleistungen in den Darbietungen - das Volk will unterhalten werden. Für Akrobatik, Tanz, Musik, Bänkelsang und Moritaten gibt es Essen. Die Kunstfigur Tyll bleibt allen Widrigkeiten zum Trotz ein integrer Charakter, der weiß, wohin er will. Sein Ruf eilt ihm voraus. Er nimmt die Stelle als Hofnarr an. Der Hof liegt im niederländischen Exil des Winterkönigs. Die Rolle des Hofnarren ist Tyll auf den Leib geschrieben. Ungestraft stellt er freche Fragen und konfrontiert die entmachtete Herrschaft mit der Wahrheit, die sonst niemand aussprechen darf.
   Den Jesuiten Tesimond und Athanasius Kircher liegen historisch verbürgte Vorbilder zugrunde. Die Rolle der deutschen Sprache zur damaligen Zeit, immerhin hundert Jahre nach Luther, wird von der englischen Gemahlin von Friedrich, Liz, als „Gebräu von Stöhnlauten und harten Grunzern" beschrieben, die ungeeignet sei für jegliche dichterische Ausdrucksweise. Gnadenlos fällt auch Liz’ Vergleich des deutschen mit dem englischen Theater aus. „In deutschen Landen kannte man kein richtiges Theater, da zogen armselige Komödianten durch den Regen und schrien und hüpften und furzten und prügelten einander.“ Doch gibt es auch bei Kehlmann die Figur des (Lyrikers) Fleming, der daran glaubt, selbst in dieser ungehobelten Sprache Poesie schreiben zu können. Ganz entgegen Kirchers Diktum, dass das Deutsche keine Zukunft hat. „Erstens, weil es eine hässliche Sprache ist, dickflüssig und unsauber, ein Idiom für ungelernte Leute, die nicht baden. … Simple Mathematik genügt.“ Urkomisch liest sich die Parodie auf den gelehrten Drachensucher Kircher, der mit unbestechlicher Logik den Nachweis des Vorhandenseins dieser Spezies, vornimmt. Der Drache verbirgt sich vor dem menschlichen Auge. Sieht man ihn nicht, muss er da sein. Wenn gar noch das Fehlen der Pest hinzukommt, ist sein Vorkommen beinahe unwiderleglich bewiesen. Das Drachenblut heilt den Schwarzen Tod. Antizipatorisch hat Kircher seinen Drachenfund bereits in seiner Schrift vorweggenommen.
    Kehlmanns Sprache liest sich leicht. Trotz der eigenwilligen Konstruktion des Romans, einem Gemisch aus historischen Fakten und Fiktionen, lässt sich der Leser immer wieder gefangen nehmen von der Geschichte, obwohl sie  phantastisch und zum Teil verstörend ist. Die Figur des Tyll durchzieht wie ein roter Faden den Roman. Die Einleitung wird aus der Wir-Perspektive erzählt. Das Wir sind die Leute in einem Ort, durch den die Gaukler mit Tyll ziehen. In den anderen Kapiteln wird aus der personalen Perspektive erzählt. Der Erzähler wechselt dabei die Personen. Meist aus Tylls Perspektive, doch kommt gelegentlich ein auktorialer Erzähler durch. Ob man dieses Buch unbedingt gelesen haben muss, bleibt der persönlichen Entscheidung überlassen. Nichts spricht dagegen.
Helga Widmaier
 
Info: Daniel Kehlmann, Tyll. Rowohlt 2017. 22,95

 

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