Inniges Verständnis Empfehlung

Inniges Verständnis Foto: wid
Eine grandiose Eröffnung der Gschwender Klassikkonzerte hat das Novus String Quartett in die Evangelische Kirche gebracht.
Die Artists in Residence spielten bereits zum dritten Mal in Gschwend. Dieses Mal hatten die vier jungen Streicher noch eine absolut brillante Pianistin mitgebracht.
    Das Klavierquintett Es-Dur op. 44 von Robert Schumann krönte den Abend. Die koreanische Pianistin Yeol Eum Son saß am Flügel wie einst Clara Schumann bei der Uraufführung der neuen Kammermusikgattung im Leipziger Gewandhaus. Hingerissen lauschte das Publikum der Interpretation der jungen Musikerin. Das Werk, das Schumann 1842 komponiert hat,  erfreut sich seither großer Beliebtheit. Das Allegro brillante zeigte ein inniges Verständnis. Die Melodie wanderte von einem Instrument zum andern. Die flinken Finger der Pianistin tanzten atemberaubend über die Tasten. Das Zusammenspiel von Piano und Streichinstrumenten war fein aufeinander abgestimmt. Der zweite Satz „In Modo d’una Marcia“ begann langsam, fast zögernd. Die fragile Harmonie verabschiedete sich in einem betörenden Decrescendo, das allmählich verebbte.
    Das Scherzo mit kurzen Bogenstrichen nahm impulsiv und bewegt Fahrt auf. Eine Fülle von Melodien hat der Komponist in nur fünf Tagen auf Papier gebannt. Der letzte Satz Allegro ma non troppo enthält mit der Doppelfuge eine Reverenz an Johann Sebastian Bach. Beifall braust auf nach dem emphatischen Schlussakkord. 
   Begonnen hat das Novus String Quartett sein Programm mit den selten gespielten 3 Divertimenti von Benjamin Britten. Der englische Komponist hatte diese 1936 mit 23 Jahren komponiert. Der Marsch Allegro maestoso kommt jugendlich dynamisch daher. Expressiv werden die Disharmonien entwickelt. Der Satz endet in Glissandi. Nach dem jugendlichen Ungestüm gestaltet sich der Walzer Allegretto ganz einfühlsam leise, beinahe zart. Die Burleske nimmt einen temperamentvollen Auftakt. Nach dem beeindruckenden Staccato setzt die erste Geige eine helle Melodie durch mit schneller Bogenführung bis zum effektvollen Schluss. 
   Unter dem Eindruck der im 2 Weltkrieg zerstörten Stadt Dresden komponierte Dimitri Schostakowitsch 1960 in der DDR sein Streichquartett Nr.8 c-moll op. 110. Klagend beginnt das Cello (Woongwhee Moon). Die Viola (Seungwon Lee) greift den Ton auf. Die Violinen Young-Uk Kim, 2. Geige und Jaeyoung Kim, 1. Geige stimmen in das Largo ein. Eine kleine Melodie schwingt sich aus der 1. Geige auf, begleitet von der Bassgrundierung der anderen. Trauer und Schmerz brechen sich heftig Bahn. In einem wilden Aufschrei bäumt sich die Emotion gegen sinnlosen Tod und Zerstörung auf bis zum abrupten Abbruch. 
    Sehnsüchtige Melodien intonieren die Streicher. Die erste Geige spielt ein Thema an, das Cello antwortet. Beruhigende Tonlinien setzen sich auf dem rhythmischen Grund durch. Leise, fast andächtig schält sich eine ätherische Melodie heraus und bleibt schwebend stehen. Quasi eine Wiedergewinnung von Harmonie, die wie ein Versprechen die unendliche Trauer überlagert. 
    Als Zugabe kündigt Seungwon Lee ein „schönes Stück“ an, das die Pianistin allein spielt. Und die dankbaren Zuhörer werden mit der kleinen Träumerei von Schumann belohnt.
Helga Widmaier
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