Der Fall Meursault

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Der Fall Meursault
 
Der „pied noir“, der namenlose Araber aus Albert Camus’ Roman „Der Fremde“ erhält eine Identität und einen Namen. Moussa heißt der 1942 am algerischen Strand erschossene.
Sein Mörder ist der Franzose Meursault, der den Araber wie eine Fliege aus dem Weg räumt, noch bevor sie lästig wird. Seine Leiche taucht nie auf. Kein Beweis, kein Zeuge, nach dem Mutter und Bruder des Ermordeten 20 Jahre lang suchen und ihr eigenes Leben davon komplett bestimmen lassen. Die Mutter macht Haroun, den kleinen Bruder, zum Wiedergänger des Toten.
     Aus dessen Blickwinkel berichtet der 70ig Jährige vom Weinkonsum befeuert in einer Bar vom Geschehen. Puzzlestückartig trägt er rekonstruierte Details und imaginierten Facetten in einem großen Monolog zusammen. Das Gespenst des Toten wirft seinen langen Schatten über die Lebenden. Die Mutter sucht ihren Schmerz und ihre wütende Trauer in der Suche nach Indizien zu verarbeiten, die sich ihr zu immer neuen Geschichten vermengt. Der Bruder, der mit Schuldgefühlen das Leben seines älteren Bruders ausfüllen und dessen Kleidung, die ihm viel zu groß ist, tragen muss, überwindet in der Sprache der Kolonialherren seinen Analphabetismus. Die Sprache wird so zum Überlebensvehikel. Erbarmungslos fasst er den Mord in Camus’ Roman mit kristalliner Klarheit in wenigen Sätzen zusammen. Nicht einmal eine romanhafte Berühmtheit ist dem No name, dem Opfer, vergönnt. Selbst die Tat des Mörders Meursault verblasst und verschwindet ins Bedeutungslose gegenüber der Ungeheuerlichkeit, dass der Mörder bei der Beerdigung seiner Mutter in unfassbarer Gleichgültigkeit nicht eine Träne vergießt. Das Urteil im Prozeß gilt dieser absurden, von Sinn entkleideten Lebenseinstellung. Tat und - wie so oft - Opfer werden vergessen. 
    Eine eigentümliche Parallelität mit Albert Camus’ autobiographischem Werk „Der erste Mensch“ stellt die Rolle der Sprache dar, die Kamel Daouds Roman immer wieder evoziert. Sprache wird Mittel zur Emanzipation, zur Selbstbestimmung und Sinngebung in beiden Romanen. 
Frantz Fanons Kulturkritik drückt sich bei Daoud unaufdringlich in der beständigen Suche nach Bedeutung und Ernstgenommenwerden der Gesichtslosen aus. Die Rolle des Islam analysiert der Protagonist Haroun mit gnadenloser Schärfe. 
   Aus der ursprünglichen Gegendarstellung entwickelt sich mehr und mehr ein literarisches Spiel. Die Protagonisten der beiden Bücher, Camus’ Meursault und Daouds Haroun gleichen sich einander an und verschwimmen zu einer zwillingshaften Ähnlichkeit. Das reicht bis zum Mord an einem Franzosen, Joseph, den Haroun mit zwei Schüssen niederstreckt. Dass der algerische Befreiungskrieg da bereits beendet war, das bleibt der Vorwurf an diese Tat. Hätte sich der Täter vorher am großen vaterländischen Krieg beteiligt, wäre der Tod des Franzosen dabei nicht weiter erwähnenswert gewesen. Unzeitgemäß also, selbst in den Augen der neuen Befreiten. 
   Hier zeigt sich wieder eine interessante Parallele zur Bewertung der Tat selbst. War es in Meursaults Fall die Teilnahmslosigkeit, so war es bei Haroun der falsche Zeitpunkt. Dennoch stellt dieser Mord und die spurlose Verscharrung der Leiche einen geradezu zwangsläufigen Schlusspunkt der Geschichte dar. Für Haroun und seine Mutter war er ein persönlicher Befreiungsschlag. Hellsichtig erkennt Haroun, dass seine rachsüchtige, alles kontrollierende Mutter auch instinktsicher das Opfer ausgewählt hat, den lebensfrohen Joseph, der Strand, Sonne, Schwimmen und Genuss geliebt hat. Damit stand er in absolutem Widerspruch zur verbiesterten, freudlosen Existenz der Mutter. 
   Der Hintergrund der algerischen Befreiung von den verhassten Kolonialherren und die enttäuschten Hoffnungen auf ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit machen das Buch zu einem Zeugnis der aktuellen Situation des Landes, das sich und seine Menschen in den Fängen der Religion gefangen sieht. Der Erzähler selbst ist als Atheist ein Außenseiter in seiner Gesellschaft, ein Fremder, genauso wie Meursault in „Der Fremde“.
 
Helga  Widmaier
 
Info: Kamel Daoud, Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung; Kiepenheuer & Witsch, 2017 

 

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