Dem Faust aufs Auge Empfehlung

Mephisto (Sandra Gerling) hat erreicht, was er sollte: Faust (Paul Grill) herzt das Gretchen (Lea Ruckpaul). Vergnügen bereitet's dem Teufel offensichtlich keines. Mephisto (Sandra Gerling) hat erreicht, was er sollte: Faust (Paul Grill) herzt das Gretchen (Lea Ruckpaul). Vergnügen bereitet's dem Teufel offensichtlich keines. Foto: JU

Ob der überdimensionale weiße Pfau, den Mephisto und das Gretchen am Ende in den weißen Rohbau auf der Drehbühne des Stuttgarter Schauspiels hieven, als ironisches Ausrufezeichen für die Eitelkeit der Männer im allgemeinen und des in jeder Hinsicht unersättlichen Herrn Faust im besonderen der Wahrheitsfindung noch dient, sei mal dahingestellt.

Zuvor jedenfalls hat Stephan Kimmigs Inszenierung ebenso virtuos wie spektakulär mit Frage- und Ausrufezeichen jongliert. Verteilt auf zwei Frauen- und zwei Männerrollen. Vermisst hat man niemand aus dem umfänglichen Personal des Originals.

    Zwischendurch wusste man(n) tatsächlich nicht, wo einem der Kopf steht. Dieser ist grammatikalisch männlich. In Elfriede Jelineks Sichtweise ein sprachlicher Fehlgriff. Denn Männer denken für sie weiter unten. Mit solchen feministischen Boshaftigkeiten aus Jelineks „Sekundärdrama“, die nach ihrer Lesart „kläffend neben den Klassikern herlaufen sollen“, hat Kimmig offensichtlich mit großem Vergnügen den deutschen „Klassiker“ schlechthin konterkariert.

     Sein „Faust“ ist ein konstruktives Feuerwerk der Dekonstruktion eines Mythos’. Symbolisiert durch den Rohbau, vor dem nach drei weit überwiegend kurzweiligen Stunden der dunkle Mephisto Sandra Gerling, das blonde Gretchen Lea Ruckpaul, der doppelte Faust, Paul Grill und Elmar Roloff, der musikalische Tausendsassa mit Gitarre, Schlagzeug, Piano und Stimme, Malakoff Kowalski, Regisseur Stefan Kimmig, die Bühnenbildnerin Katja Haß und der für ausreichend Licht sorgende Wolfgang Göbbel (von dem der alte Goethe sicher nicht „mehr“ verlangt hätte) den hoch verdienten und mit zahlreichen Bravos gewürzten Schlussbeifall genießen.

     Wie alles begann? Das Böse sitzt mit einem schwarzen Pudel (oder war es doch ein großer Schnauzer) auf der Bühne. Das Tier will nicht, wie seine Herrin – also des Pudels Kern – möchte. Nur zum Gassi gehen sind sich die Beiden einig. Weg ist der Hund, die Böse kehrt zurück. Sandra Gerling wird diesen larmoyant geschminkten schnoddrigen Ton bis zum Ende durchhalten. Nur manchmal rastet sie aus, wird ihr das ganze Rumgeeiere des Faust, dem sie zu Diensten ist, zu viel. Dieser Kerl möchte nicht die Weltenrätsel durch- sondern ganz wo anders eindringen.

    Im Grunde hat die Inkarnation des Bösen von Anfang an gewusst, dass es mit dem Deal nichts wird. Dass sie die Wette verlieren wird. Als sie sich mit Gott – der eine Göttin ist - auf das Machtspiel zwischen Gut und Böse eingelassen hat. Lea Ruckpaul gibt diese Lichtgestalt mit der gleichen milden Souveränität, wie sie später ihr Gretchen nahtlos zwischen dem rotzig-nüchternen Blick einer emanzipierten jungen Frau auf männliche Verführungstricks, dem kindlich unbeschwerten Vergnügen an der großen Liebe und der ergreifenden kreatürlichen Klarheit einer hellsichtig Wahnsinnigen changieren lässt. Da muss der schnöselige Junkie des Paul Grill trotz nackt zur Schau gestellter junger Männlichkeit so alt aussehen, wie es der einmal mehr in eine lange weiße Feinrippunterhose gehüllte Elmar Roloff als sein manchmal skeptisch dreinschauendes alter ego schon ist. Wie bitter, wenn einem das Gretchen am Schlagzeug zum Abgang fulminant den Takt schlägt.

      Der weiße Kubus, diese Mischung aus klassizistischer Sauna und Parthenontempel, hat  - als sich von einer Black Box zum klinisch weißen Irrgarten der Lüste und Lasten wandelnde bauliche Wundertüte - allen sinnfälligen Anforderungen genügt. Lustwandeln im Krankenhaus, die Kuschelwiese ein aseptisches Klinikbett. Da wäre die Nobelpreisträgerin aus Österreich aufgeblüht. Zumal vor so viel Weiß das dunkle Böse noch besser zur Geltung kommt. Gerlings Mephista hat indes als Moderatorin und Spielleiterin der Chose sichtlich genug. Müde und gelangweilt blickt sie auf den doppelten Faust. Sie ist den schalen Triumph gewöhnt. Am Sieg der Inszenierung hat sie jedoch maßgeblichen Anteil.

 

Wolfgang Nußbaumer

      

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