Die Wahlverwandtschaften im Doppelpack

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Die Wahlverwandtschaften im Doppelpack

Zwei Männer und zwei Frauen bilden eine sich in Freundschaft verbundene Vierergruppe.

Die Männer sind Freunde, die Frauen Freundinnen. Bis dann die hormonelle Entwicklung zu pubertären Gefühlsverwirrungen führt. Das ist die Variation des Goetheschen Themas bei Mirko Bonné in „Lichter als der Tag“. Das Viererband ist gerissen. In zornigem Kummer bleibt Floriane mit Raimund zurück. Sind die Beiden als Zweckgemeinschaft übrig geblieben, als Inger ihrer Freundin Floriane den Freund Moritz ausgespannt hat, fragt sich der Leser. Raimund hüllt sich in einen Kokon aus Melancholie und einem Lügengespinst ein und trauert dem seelenverwandten dänischen Mädchen Inger nach. Entfremdet hat er sich von seiner Ehefrau Floriane, aus der eine hartherzige erfolgreiche Zahnärztin und Kieferchirurgin geworden ist. Raimund hat das Biologiestudium geschmissen. Der Studienabbruch verbindet ihn mit seinem alten Freund Moritz, dessen Architekturambitionen irgendwo versandet sind.

Der letzte gemeinsame Ferienaufenthalt der beiden Paare am Müggelsee endet in einem Eklat und dem Abbruch der Beziehungen, die zuvor als halbwegs verheimlichte Überkreuzbeziehung ein labiles Gleichgewicht aufrecht erhalten hatten. Raimund schürft wenig empathisch mit seinen Neuigkeiten über den untreuen Geschäftspartner von Moritzens Vater in der unverheilten Wunde von Moritz. Der nimmt das so übel, dass kein Raum mehr bleibt für die Freundschaft. Floriane verliert sich in ihrer Eifersucht. Eigentlich imponiert ihr Moritz in seiner egozentrischen Männlichkeit mehr. Sie gönnt aber der Freundin Inger die Liebesbeziehung zu Raimund nicht. Stattdessen fühlt sie sich zweimal betrogen und steigert sich in ihren Hass hinein. Ein Partnertausch zurück zur ursprünglichen Zuneigung bleibt den in ihrem Unglück Vereinten seltsam verschlossen.

Raimund und Floriane haben zwei Töchter. Die jüngere Linda, ein kleptomanisches Problemkind, zieht die Familienproblematik auf sich. Die Geschichte, die zuvor eher emotionsarm vor sich hin plätschert, nimmt dramatische Fahrt auf, als ein verheimlichter Brief und ein zufälliges Wiedersehen plötzlich die unbewältigte Vergangenheit wieder heftig in den Vordergrund zerrt. Raimund verzehrt sich nach Inger, die ihm vermeintlich den Freund Moritz vorgezogen hat und ertränkt den Kummer und den Verlust der Mitte in Alkohol. Seine ungestillte Sehnsucht gilt einem wunderbaren Licht aus Kindertagen, dem er mit der Künstlertochter Inger zusammen nachgespürt hat. Auf einem Gemälde von Jean-Baptiste Camille Corot fasziniert ihn dieses Licht. Er findet das Original im Musée des Beaux Arts in Lyon.

Durch Flucht entzieht sich Raimund seinem ungeliebten Selbst. Er verschwindet, wie Jahre zuvor sein eigener Vater sich von Frau und Sohn davongemacht hat. Doch im Unterschied zum eigenen nie gekannten Vater nimmt er die Tochter Linda mit ins Exil. Diese blüht regelrecht auf in der neuen Umgebung und der neuen Sprache. Am Ende erkennt Raimund, dass sein Faszinosum nicht das Licht war, sondern die Schatten, die dieses wirft, oder vielmehr das Zusammenspiel der beiden.

Im Unterschied zu Goethes Wahlverwandtschaften gibt es in der Wiederaufnahme des Themas ein glückliches Ende, Raimund findet zu sich selbst und zu seiner geliebten Inger zurück. Die Sehnsuchtsgestalt, die Frau im blauen Kleid im Bild von Corot tritt aus dem Gemälde heraus und nimmt ihn ganz real in die Arme. Er macht seinen Frieden mit dem verstorbenen Moritz, mit dem er die Aussöhnung zu Lebzeiten gescheut hat. Unverhofft hat er noch einen guten loyalen Freund gewonnen, Bruno, der Arbeitskollege, hilft ihm zurück in sein eigenes Selbst.

Mirko Bonné, Lichter als der Tag. Frankfurt/Main: Schöffling & Co. 2017

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Das Original, Goethe, es liest sich nach Jahrzehnten wie neu. Der Leser lässt sich von Anfang an auf die Handlung ein. Obwohl nicht sehr viel passiert, zieht die Sprache in ihren Bann. Ein paar veraltete Wendungen amüsieren gelegentlich, ohne dem Erzählfluss Abbruch zu tun. Charlotte und Eduard, die sich in ihrer Jugend sehr zugetan waren, heiraten andere Partner, im Falle Eduards von wohlmeinenden Eltern zu einem Vernunftbündnis genötigt. Sie sind nicht unglücklich in diesen Beziehungen, die statt Liebe von Achtung und wechselseitigen Respekt gekennzeichnet sind. Doch finden sie nach dem Tod der Ehepartner wieder zusammen. Ein verspätetes ruhiges ungestörtes Leben schwebt Eduard vor. Die traute Zweisamkeit sollte weder von Charlottes Tochter Luciane, noch von ihrer Pflegetochter Ottilie gestört werden. Das war der Deal.

Doch als der Freund und Weggefährte von Eduard unverschuldet in Bedrängnis gekommen ist. sieht Eduard sich in der Pflicht, dem Hauptmann zu helfen. Bisher hat sich alles wundersam gefügt für Eduard, den verwöhnten Sohn reicher Eltern, der auch von seiner steinreichen viel älteren Gemahlin für sein gutes Betragen mit größter Freigebigkeit belohnt worden war. Zu guter letzt hat er selbst seine Jugendliebe Charlotte mit seinem beharrlichen romanhaften Bemühen für sich gewinnen können.

Eduards Ansinnen, den Hauptmann in ihr Leben aufzunehmen, schreckt Charlotte auf und verunsichert sie zutiefst. Ein Dritter im Bund würde ihr Leben mit Eduard möglicherweise durcheinander bringen. Eine dunkle Vorahnung, dass diese Störung ungünstig verlaufen könnte, bemächtigt sich Charlottens Gedanken. Hinzu kommt die Sorge um ihre Pflegetochter Ottilie, die im Internat ganz anders als die eigene Tochter unglücklich ist. Charlotte ist überzeugt, dass Ottilie sich bei ihr besser entwickeln würde.

Das Paar tauscht Besorgnis und ängstliche Vorbehalte aus, wägt das Für und Wider ab. Schließlich kommen sie zur Übereinkunft, dass der Hauptmann und Ottilie bei ihnen leben sollten. Die Männer sind sich in alter Freundschaft verbunden. Charlotte und Ottilie pflegen eine liebevolle Mutter-Tochter-Beziehung. Eduard entwickelt sich als der zuvorkommende väterliche Freund, der dem verschüchterten jungen Mädchen Selbstbewusstsein gibt. Charlotte und der Hauptmann verstehen sich überraschend in den großen Planungsprojekten des Hauptmanns für die neuen Parkanlagen.

Die väterliche Fürsorge und Zuneigung für Ottilie verwandelt sich in Liebe, der sich auch Ottilie nicht entziehen kann. Charlotte bemerkt diese Veränderung mit Unruhe. Ihrerseits kann sie sich den Vorzügen des Hauptmanns nicht verwehren, mit dem sie eine platonische Seelenverwandtschaft verbindet.

Eduard will mit Ottilie die Ehe eingehen. Er glaubt, dass Charlotte einwilligen wird. Für diese ist aber ihre Ehe mit Eduard unauflösbar, obwohl sie in Gedanken oft beim Hauptmann ist. Charlotte wird schwanger von Eduard, der beim Liebesakt eigentlich Ottilie in den Armen hält. Charlotte ihrerseits wähnt sich in des Hauptmanns Armen. Das Kind, das geboren wird, zeigt äußerlich frappierende Ähnlichkeit mit Ottilie und dem Hauptmann.

Ein für heutige Leser etwas wunderlicher Kunstgriff des alten Goethe. Doch die novellenhafte Abwendung von der Wirklichkeit wird noch weiter getrieben. Eduard, der nicht ans Ziel seiner Wünsche kommt, zieht in den Krieg und sucht den Tod. Den findet er nicht, stattdessen häuft er Tapferkeitsauszeichnungen auf sich. Ottilie leidet und entsagt stumm ihrem Lebensglück, auch aus Respekt für die geliebte Charlotte. Das schöne Mädchen wird eher als Heilige idealisiert, denn als Mensch. Sie verzehrt sich in Liebe und Schuld - sie trägt die Verantwortung für den Tod von Charlottes Kind, das bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen ist. Ottilie stirbt an Schwäche. Sie hat sich unbemerkt von den andern zu Tode gehungert. Eduard folgt ihr alsbald nach und stirbt an gebrochenem Herzen. Ein tragisches Ende der zwei Königskinder, die zusammen nicht kommen durften. Etwas dick aufgetragen mutet die heiligmäßige Verklärung der toten Ottilie an, die selbst nach dem Tod noch Wunder bewirkt. Mit welcher Ernsthaftigkeit Goethe diesen aus der Zeit gefallenen Stoff behandelt und den Leser für sein Personal einzunehmen versteht, dazu gehört ein ganz großer Schriftsteller.

Johann Wolfgang von Goethe, Die Wahlverwandtschaften. 

 

Helga Widmaier

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