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In der Altstadt von Basel nahe der St.-Alban-Kirche hängt eine Gedenktafel für einen Mann, der dort in den Jahren 1553 bis 1563 unter Einsatz seines Lebens für die Meinungs- und Gewissensfreiheit gekämpft hatte: Sebastian Castellio (1515—1563).

Auf ihr steht in fünf Sprachen der Satz: «Einen Menschen töten heißt nicht eine Lehre [oder Meinung] verteidigen, sondern einen Menschen töten.»

Diesen Satz, geschrieben 1554, richtete Castellio gegen den vormals von ihm verehrten Johannes Calvin, unter dem die Reformation erstmals ihre Unschuld verlor: Im Oktober 1553 ließ Calvin in Genf als erster Reformator einen Menschen, der anders dachte als er, bei lebendigem Leib verbrennen. 

Bald darauf entbrannte zwischen Castellio und Calvin ein heftiger Streit über die Frage der Gewissensfreiheit und Toleranz. Im Verlauf dieses beispiellos geführten Streits erwirkte Calvin überall in der reformierten Schweiz und noch darüber hinaus ein Publikationsverbot gegen Castellio. Jahre später versuchte er sogar, ihm in Basel den Prozess zu machen. Wäre Castellio nicht kurz zuvor gestorben, hätte er vermutlich seinen Kampf für dieses Recht der Meinungs- und Gewissensfreiheit mit seinem Tod auf dem Scheiterhaufen bezahlt. Die Ächtung Castellios aber wirkte noch Jahrhunderte nach.

Doch Castellios Kampf war nicht vergeblich: 1789 wurde diese Forderung als Artikel 11 in die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte aufgenommen.

Menschenrechte hinter Gittern

464 Jahre später schrieb der türkische Publizist Can Dündar am 17. August 2017 in der ZEIT:

«Mitten in Ankara steht ein Denkmal für die Menschenrechte: eine sitzende Frau, die in der Erklärung der Menschenrechte liest. Menschen auf der Suche nach ihrem Recht kommen seit Jahren bei dieser Frau zusammen.

Bildquelle: ZDF

Zwei von 40 000 Pädagogen, die nach Verhängung des Ausnahmezustands vom Dienst suspendiert worden waren, wurden verhaftet, als sie mit Hungerstreik reagierten. Daraufhin strömten Protestierende zum Denkmal. Der Gouverneur untersagte unverzüglich sämtliche Kundgebungen dort. Wer dennoch kam, wurde festgenommen. Als man der Lage nicht Herr wurde, wollte man das Problem radikal lösen und nahm die Skulptur in Gewahrsam. Seither ist sie mit Stahlgittern abgesperrt. Niemand darf sich ihr nähern.»


 

Während in der Türkei die Menschenrechte eingesperrt werden, erlebt Castellio nach Jahrhunderten der Ächtung seine Wiedergutmachung. Seit wenigen Jahren liegen im Alcorde Verlag neben dem Manifest der Toleranz die wichtigsten Werke Castellios zum Thema Toleranz und Gewissensfreiheit erstmals in deutscher Übersetzung vor. Immer größer wird die Zahl derer, die dankbar begrüßen, dass Castellio in der Mitte des protestantischen Bewusstseins anzukommen beginnt. Manche unter ihnen sehen heute in Castellio jenen christlichen Humanisten, mit dem die im Grunde unvollendet gebliebene Reformation erst vollends ihren Anspruch werde einlösen können. Über ihn schrieb Stefan Zweig in seinem Buch Castellio gegen Calvin, einem seiner leidenschaftlichsten Bücher: «Welch eine Dankesschuld ist an diesem Vergessenen noch zu begleichen! Welch ein ungeheures Unrecht hier noch zu sühnen!»

In Basel plant man derzeit die Gründung einer Castellio-Gesellschaft, in Zürich (durch den reformierten Pfarrer Ueli Greminger) und in Genf wird der ehemals Verfemte und Verfolgte neben Erasmus inzwischen als einer der bedeutendsten Humanisten seiner Zeit gewürdigt (s. dazu meinen Beitrag vom 17.11.2015). In Holland, wo man bereits vierzig Jahre nach seinem Tod einige seiner verbotenen Schriften veröffentlichte, erfährt er eine neue Renaissance. Und in Deutschland regt sich in vielen Gemeinden ein wachsendes Interesse und Staunen über diesen heute so aktuell anmutenden Denker und Streiter, der ebenso selbstverständlich wie mutig für die Sache der Toleranz eintrat.

Eine von vielen Initiativen, die sich im Gefolge der 500-Jahrfeiern zur Reformation gegen den verengten Blick auf Luther wehren, ist eine Predigtreihe in der evangelischen Kirche in Gera. Dort machte sich, angeregt durch die Lektüre Castellios, Pfarrer Michael Kleim auf die Suche nach den «bunten Vögeln der Reformation» — und wurde fündig. Unter den zahlreichen miteinander und gegeneinander ringenden Kräften der Reformation wählte er einige der interessantesten Köpfe dieser Zeit: neben Castellio unter anderem Johann Tetzel, Michael Servet und Menno Simons.

Wolfgang Stammler

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