Dicke Backen, flinke Finger Empfehlung

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"Spark" - das Quintett, das der Klassik Beine macht. "Spark" - das Quintett, das der Klassik Beine macht. Fotos: Gerd Keydell/Schloss Kapfenburg

Der Autobahn A 6 sei Dank, haben die Barmädchen und das Publikum des Accelerando-Konzerts auf Schloss Kapfenburg zufrieden den Heimweg angetreten.

Mit einem grandiosen Arrangement von Cole Porters „Begin the Beguine“ haben sich die fünf wunderbaren Musikanten von „Spark“ zu später Stunde endgültig von ihrem, ja, bemühen wir das abgedroschene Adjektiv, begeisterten Publikum im Konzertsaal auf Schloss Kapfenburg verabschiedet. Warum die verwegene Reise durch „Wild Territories“ weit in die Nacht geführt hat, lag an einem anderen „Wild Territory“ – der A 6. 

  Kurz vor dem geplanten Konzertbeginn 19.30 Uhr bedient Schlossherr Erich Hacker virtuos den japanischen Gong. Er signalisiert nicht den Einlass, sondern die Bitte um Geduld. Zwar sind drei der fünf Sparkisten schon da; die beiden Flötisten Andrea Ritter und Daniel Koschitzki stecken jedoch auf der Fahrt von Frankfurt in den fernen Osten im Stau. Geschlagene 150 Minuten. Das kann dauern. Weshalb die Frauen hinterm Tresen alle Hände voll zu tun bekommen.

    Nach einem halben Stündchen Wartezeit versucht sich das „Continuo“-Trio mit dem mit allen pianistische Wassern gewaschenen Flügel-Mann Arseni Sadykov, dem Teufelsgeiger Stefan Balazsovics und dem unerschütterlichen Cellisten Victor Plumettaz als Vorgruppe. Vielleicht weil er aussieht wie der Pirat Johnny Depp beim Landgang, schicken seine Kumpel Plumettaz als ersten ins Feuer der Bühne. Dem merkt man seinen Adrenalinspiegel im roten Bereich kein bisschen an. Ganz cool brennt er ein spanisches Feuerwerk ab, dass einem die Ohren schlackern.

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Drei von der schnellen Truppe: Der Stehgeiger Stefan Balazsovics, der Pianist Arseni Sadykov und am Cello Victor Plumettaz.

 

   Der frenetische Beifall lockt die beiden Kollegen aus der Deckung. In Brahms 5. Ungarischem Tanz legen sie ein wahres Höllentempo vor. Fast entschuldigend meint der bescheidene Sadykov, bei Brahms müsse er doch mal zu den Noten greifen. Doch in dem Hypertempo seiner Finger kann, ehrlich, kein normaler Mensch noch Noten lesen.

  Aber was ist schon normal bei dieser Truppe. Nach diesem Vorspiel kann es eigentlich nur noch schlechter werden. Mit den beiden Blockflötisten (!) wird aus dem Feuerwerk indes noch ein mikrogenau gesteuerter Vulkanausbruch. Sein mit Classic-Rock basiertes und von raffinierten melodischen Einfällen sprühendes Stück „Scotch Club“ hat der Cellist der ersten Diskothek gewidmet. Sie stand nicht in Chicago, New York oder Paris – sie stand in Aachen.

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Andrea Ritter und Daniel Koschitzki: 20 Finger, 1000 Töne - furioso Blockbildung auf der Flöte.

 

     Dort könnte man sich gut die Blondine Andrea Ritter vorstellen, deren Markenzeichen ein wohlgeformtes nacktes linkes Bein ist. Hot Pant und schwarzes Beinkleid. Das „outfit“ ist programmatisch. Wie die fünf „Echo“-Preisträger dann mit einem Grundhauch Astor Piazzolla  versehen durch Mozart, Bach, Reger und ein Aufgebot prächtiger moderner Komponisten mit Michael Nyman als ihrem Favoriten stürmen, macht einen atemlos. Nur nicht die kecke Frau Ritter und den atemberaubend virtuosen Vorbläser Koschitzki auf ihrem Flötenarsenal, die statt Lungen einen Blasebalg implantiert haben müssen.

     Als sie zum Schluss des offiziellen Programms die „Candybox“ unters Volk schleudern, gilt für diese akustische Schleckerei, was für „Sparks“ ganze Musik gilt – von der man an diesem langen Abend nur einen kleinen Teil genießen durfte – sie ist absolut zuckerfrei.         

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