Ganz genau hinsehen Empfehlung

Foto: Peter Hageneder Foto: Peter Hageneder

Die rechte Hand ruht locker auf seinem Knie. Eine kräftige Hand mit langen, schmalen Fingern. Eine Pianistenhand. Sie gehört zu Hans-Josef Ortheil.

 Sein Vater, ein Vermessungsingenieur, hat ihn die beschreibende Vermessung der Welt gelehrt. Unerbittlich exakt. Dafür ist ihm der Schriftsteller und Germanistikprofessor bis heute zutiefst dankbar, wie er im Gespräch mit dem SWR-Literaturkritiker Dr. Wolfgang Niess bei der „Wortgewaltig“-Veranstaltung in der Stadthalle Aalen bekannt hat. Mitunter hat er sich dieser detailgetreuen Beobachtung der Wirklichkeit entzogen und sie heimlich neu erfunden. Nur seiner Mutter hat er sich dann offenbart.

  Diese Schule des genauen Hinsehens und ebenso genauen Beschreibens ist dem renommierten Autor wie in seinen fiktionalen Texten auch in seinem autobiografischen Buch „Was ich liebe – und was nicht“ zugute gekommen. Genau hinzusehen gilt nicht nur für den Blick auf die Außenwelt, sondern ebenso für die Innenwelt des eigenen Seins. Nur so kann man erkennen, was einen existenziell umtreibt. Wie die Erfahrungen des Lebens die Lebenserfahrung prägen. Wobei die Selbstwahrnehmung viel leichter korrumpierbar ist; wer lügt sich nicht selbst gern etwas in die Tasche, wenn’s schwierig wird.

  Diese Erkenntnis durchzieht sein Buch und diesen ebenso unterhaltsamen wie lehrreichen Abend. Alle seine Beobachtungen zur schon in der Antike thematisierten Kunst des Lebens hat er unter Stichworte gestellt. „Wohnen und Bleiben“ – wie die Familie zwischen dem quirligen Köln und dem ruhigen Flecken im Westerwald gependelt ist. Zuflucht und Geborgenheit, Ruhe und Einsamkeit findet er seitdem eben dort im Westerwald in seiner jährlichen „Klausur“, dort wo schon seine Großeltern ihre Heimat hatten, die Geborgenheit der übersichtlichen Gemeinschaft, die Sicherheit der täglichen Rituale.

  Auf seinen Spaziergängen führt ihn sein Weg fast immer zu jener Stelle im Tannenwald, wo sich die Aussicht auf  den einstigen Hof und die Wirtschaft der Großeltern öffnet. „Hier habe ich Sprechen gelernt“, sagt Ortheil. Mit drei Jahren hatte er zu sprechen aufgehört, weil seine Mutter über dem Verlust von vier Söhnen stumm geworden war. Was in der notwendig verkürzten Beschreibung so dramatisch klingt, gewinnt in Ortheils lakonisch-selbstironischer Darstellung erträgliche Distanz.

  Der Nichtautofahrer und Ungernflieger liest und schildert noch seine Erfahrungen mit dem wiederholt bei Familienausfahrten mit den Eltern vergessenen VW-Käfer – man hatte zur Rückfahrt wie gewohnt den Bus benützt - ; schwärmt vom Sonnengold über den Wolken, wenn das Flugzeug für einen Glücksmoment jenseits von Raum und Zeit zu verharren scheint; beschreibt das Wunder der Stille in einem vollbesetzten ICE; räsoniert über das „Schriftstellerleben“ von einem, der auszog, um Konzertpianist zu werden bis dauernde Entzündungen ihm die rote Karte zeigten; begibt sich im Kapitel „Liebesromane“ auf die „Stufenleiter des libidinösen Verhältnisses“ und macht als Muffel auch nicht vor der Mode halt.

  Das hört sich alles so selbstverständlich, so locker vom Hocker, so quellfrisch an – und ist doch Resultat einer Tätigkeit, die der Schreiblehrer als „ungeheuer schwer“ beschreibt. "Einen guten, in sich stabilen Text zu schreiben, ist sehr, sehr schwierig", weiß er aus eigener Erfahrung. Deshalb trainiert er sein Schreibvermögen bis heute täglich - "ein unendlicher Prozess". Nur so kann er für den Moment gewappnet sein, wenn ihn ein neues Thema existenziell anspringt und in romanhafte Form gebracht werden will. Dann muss der Autor Ortheil ohne Aug und Ohr für die Außenwelt "in einen Tunnel einfahren", den Tunnel seiner Fiktion, in dem er seine Figuren und deren Handlungen notierend verfolgt - bis sie gemeinsam mit ihm als fertiger Roman wieder das Licht der Wirklichkeit erreichen. Falls er sie nicht im Dunkel gegen die Wand gefahren hat...

 

Wolfgang Nußbaumer

 

 

 

            

 

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