Manifest der Toleranz Empfehlung

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Manifest der Toleranz

„Einen Menschen töten heißt nicht, eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten.“

Vor über 460 Jahren schrieb der Basler Humanist Sebastian Castellio diesen Satz an den Reformator Johannes Calvin. Der mutige Mann und sein Hauptwerk „Das Manifest der Toleranz“  gerieten in Vergessenheit. Bis der  Alcorde Verlag in Essen zum 500. Geburtstag des Humanisten 2015 mit einer fünfbändigen Buchreihe dessen Renaissance befördert hat.

 

      Mit der Herausgabe der Edition zu Leben und Werk des frühen Humanisten Castellio tritt der Verleger Wolfgang Stammler eindrucksvoll in die Fußstapfen seines Vaters, des großen protestantischen Publizisten Eberhard Stammler. Neben anderen lobte die FAZ: „Eine wärmstens zu begrüßende Edition, der man viele Leser wünscht...“ Und der Tübinger theologische Freigeist Hans Küng befand: „Eine höchst verdienstvolle Ausgabe“. Im Wettbewerb „Das historische Buch des Jahres 2014“ hat das „Manifest der Toleranz“ den 3. Platz in der Kategorie „Denkanstöße“ belegt.

    Quasi angestiftet hat den in Essen lebenden gebürtigen Stuttgarter der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig mit seinem 1936 erschienenen Buch „Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt“. „Welch ein stiller Held“, schrieb Zweig damals an seinen Freund Romain Rolland, „und welch freier Geist“. 

  Der mächtige Reformator hatte 1553 in Genf erstmals einen sogenannten Ketzer auf dem Scheiterhaufen bei lebendigem Leibe verbrennen lassen. Der spanischen Arzt und Gelehrte Miguel Servet musste mit seinem Leben dafür bezahlen, dass er in Fragen der Dreieinigkeit und Taufe anders als Calvin gedacht hatte.  Dieses rigorose Vorgehen löste unter vielen der um ihres Glaubens willen vor der katholischen Inquisition in die Schweiz geflüchteten Christen Empörung und Entsetzen aus. 

    War Castellio in den Jahren zu Beginn der Reformation in Genf noch ein Anhänger Calvins, so hatte er sich schon bald aufgrund theologischer Meinungsverschiedenheiten von ihm getrennt und sich in das liberalere Basel zurückgezogen. Calvins Unduldsamkeit gegenüber Andersdenkenden und sein Fanatismus, mit dem er seine Lehre gegen diese verteidigte, waren Haltungen, die Castellios Wesen und christlichem Denken zutiefst widersprachen. In seinem „Manifest der Toleranz. Über Ketzer und ob man sie verfolgen soll“, das schon kurz nach der Hinrichtung Servets erschienen war, stellt er klar fest: „Trotz vieler Nachforschungen darüber, was ein Ketzer sei, konnte ich nichts anderes feststellen, als dass jeder für einen Ketzer gilt, der anders denkt als wir.“ Und das ist eine Haltung, die sich wie ein roter Faden bis heute durch die Religionsgeschichte zieht. Hinzugekommen ist in unserer europäischen Wahrnehmung der Islam.

    Genau auf diesen rigiden Dogmatismus hat Sebastian Castellio mit seinem letzten Buch gezielt. Schon dessen Titel muss anno 1563 die schiere Provokation gewesen sein: „Die Kunst des Zweifelns und Glaubens des Nichtwissens du Wissens.“ Damit hat der Theologe auf den Streit innerhalb der Reformation reagiert. Dessen Kern war das „richtige“ Verständnis der Bibel. Diese Kunst des Zweifelns und Glaubens hat ganz aktuell der Schauspieler Ben Becker mit seiner fesselnden Theaterperformance „Ich, Judas“ mit Texten von Amos Oz und Walter Jens ins Heute katapultiert. Sein Auftritt beim Festival Europäische Kirchenmusik 2016 im Gmünder Münster traf Herz du Verstand gleichermaßen.

    Die Amsterdamer Kirchenhistorikerin Mirjam van Veen beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Zeit der Reformation, insbesondere mit Sebastian Castellio und seinem Freundeskreis. In ihrer 2012 erschienenen Biographie über Castellio „Die Freiheit des Denkens“ beschreibt sie ihn als einen Anwalt der Zweifelnden gegenüber den „Betonköpfen“ der Dogmatiker, als einen, der seiner Zeit weit voraus war und deshalb zum Schweigen gebracht wurde, und als einen Vorläufer der Aufklärung, dessen „Kunst des Zweifelns“ heute aktueller ist denn je. Für seine Übersetzung der 2015 bei Alcorde veröffentlichten Biografie ist Andreas Ecke mit dem „Europäischen Übersetzerpreis Offenburg 2016“ ausgezeichnet worden.

    Wesentlich zum Erfolg der Calvin-Edition innerhalb der „Bibliothek historischer Denkwürdigkeiten“ hat der Historiker Uwe Plath beigetragen. Als Begleitband ist seine 1974 gedruckte damals wegweisende Dissertation in einer leicht überarbeiteten Neuausgabe unter dem Titel „Der Fall Servet“ erschienen.  Ferner hat Plath Castellios Streitschrift „Gegen Calvin“ mit seiner schneidenden „Kritik an jeglicher Art von selbstgerechter Gottesstaatlichkeit und religiöser Verblendung“ (Stammler) aus dem Lateinischen übersetzt und kommentiert.     John Wolf

     

 

   

    

 

    

 

 

 

 

 

 

 

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