Wahrheitssuche im Apfelbaum

Foto: Peter Schlipf Foto: Peter Schlipf

Theater der Stadt Aalen zeigt Winfried Tobias’ packende Inszenierung von Eva Rottmanns Jugendstück „Die mich jagen“

Was für ein wunderbares altes Kinderbuch, Mira Lobes „Die Omama im Apfelbaum“. Mit fantastischen Geschichten tröstet sie den kleinen Andi über die wirkliche Welt hinweg. In Eva Rottmanns Jugendstück „Die mich jagen“, das Winfried Tobias jetzt am Theater der Stadt Aalen inszeniert hat, kommt ebenfalls ein Apfelbaum vor. Die Geschichte, die er offenbart, ist allerdings sehr real fatal.Dabei besteht zwischen beiden Apfelbäumen durchaus eine thematische Verbindung. Im einen sucht der kleine Junge Zuflucht vor der Konfrontation mit dem Arbeitsalltag der Eltern, im andern lauert die Erkenntnis über die sozialen Folgen einer ökonomisch auseinander driftenden Gesellschaft. Außerdem symbolisiert er den Bewusstwerdungsprozess zweier Jugendlicher; ihre Irrungen und Wirrungen auf dem Weg zu sich selbst und zu einander.


Adam, der alte, verarmte Rentner, spricht viel vom Apfelbaum. „Als kleiner Junge da konnte er antworten wenn seine Mutter gerufen hat ‚wo bist du’? Da konnte er sagen ‚im Apfelbaum’...“; so denkt er in Rottmanns Stück vor sich hin. 60 Jahre später steht ein Apfelbaum im Garten von Janniks steinreichen Eltern. Der Baum der Erkenntnis zieht Adam an und hinein in die Villa, die zum Showroom des Erkennens wird. Doch wo bleibt seine Eva, für die er den Kleiderschrank von Janniks Mutter plündert?


Fragen über Fragen fächert die Autorin auf. Was Armut aus den Menschen macht, wenn ihre Glücksversprechen zu Versprechern geworden sind. Ist es wichtig, was andere von einem denken? Ändert das eigene Denken irgendwas? Hängt meine Selbstwahrnehmung davon ab, wie andere mich sehen? Wie wäre es, in einer Welt zu leben, die kein Oben und kein Unten mehr kennt? Wäre so das Paradies?


Winfried Tobias’ Inszenierung setzt sich mit diesen Fragen auf packende Weise auseinander. Mit Musik von Axel Nagel und Videos von Marco Kreuzer strukturiert er zusammen mit der Ausstatterin Ana Tasic die Aufführung akustisch und visuell; schafft so Verschnauf- und Denkpausen in der Abfolge wortkarger Dialoge und wortmächtiger Monologe.


Und mit dem Trio Alice Katharina Schmidt als Charlotte, Marcus Krone als Jannik und Bernd Tauber als Adam verfügt er über ein fantastisch spielendes Personal. Die reichlich desillusionierte, dennoch vernünftig tickende  kesse Göre, die mit dem ziemlich verbogenen „Prinzen“ gerne Liebe machen würde – und der kauzige Rentner mit dem finsteren Geheimnis, der an der entscheidenden Stelle dazwischen platzt. Frust bremst Lust. Oder weniger lustig: Existenziell konfrontiert mit dem schuldhaften Opfer der sozialen Verwerfungen, machen die Jugendlichen in ihrem Prozess der Persönlichkeitsfindung einen weiten Schritt.


Am Ende versöhnt sich Apfelbaum mit Apfelbaum. Charlotte und Jannik wollen in die Antarktis, ins fantastische ewige Weiß. Zuvor aber küssen sie sich endlich. Großer, hochverdienter Beifall.                               jow

6Die mich jagenf

5Die mich jagen

Fotos: Peter Schlipf
     
     

Nach oben