Mit 90 noch auf „Bildungsreise“ Empfehlung

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Von der Lust am Reisen handelte ein Vortrag, den Professor Hermann Bausinger  - lang ist’s her - bei einem literarischen Abend im Stuttgarter Bahnhofsturm hielt.

Dieser Begriff des Reisens kann als Metapher für das weit gespannte Forschungsinteresse des emeritierten Nestors der Empirischen Kulturwissenschaft stehen. Bausinger ist auch mit 90 Jahren noch als Reisender in Sachen universaler Bildung unterwegs. Der gebürtige Aalener und langjährigeVorsitzende der Jury des Schubart-Literaturpreises der Stadt Aalen hat dieser Tage seinen runden Geburtstag gefeiert – voller Pläne. 

Hermann Bausinger hat es als „eine Großtat dieser Stadt“ gerühmt, dass sie wenige Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs und der Naziherrschaft den Schubart-Literaturpreis gestiftet hat. Und das mit einem OB Schübel, der selbst im 3. Reich eine unrühmliche Rolle gespielt hatte. Aber so kurz nach dem Kriege hatte das öffentliche Bewusstsein noch keinen Sinn für solche Ungereimtheiten entwickelt. Bei der ersten Sitzung 1956 war er noch nicht dabei, wie sich Bausinger erinnert, aber seit 1962 hat er im Preisgericht mitgewirkt.   

Zwei Jahre zuvor hatte er im zarten Alter von 34 Jahren bereits den Lehrstuhl für Volkskunde an der Universität Tübingen erhalten. Der junge Wissenschaftler hat dafür gesorgt, dass frischer Wind den Muff unter den Talaren vertrieben hat. „Die Modernisierung der Begrifflichkeit und die Berücksichtigung von theoretischen Ansätzen aus Nachbarwissenschaften hat die Volkskunde aus ihrem folkloristischen Ghetto herausgeführt und sie zu einer ‚empirischen Kulturwissenschaft’ transformiert“,  schrieb ein Laudator zum Siebzigsten des langjährigen Vordenkers im Ludwig-Uhland-Institut der Uni Tübingen.      

Vermutlich kommt diese Parallele nicht von ungefähr: In seinen Anfängen war der Schubartpreis stark auf die regionale Forschung konzentriert. Landschaft und Geschichte der Stadt Aalen und ihres Umlandes spielten eine wichtige Rolle in den zu jener Zeit noch auf eine Ausschreibung hin eingesandten Beiträgen. Vom Gedicht über Schubart, wie er in seinem Kerker saß bis zu Romanen im Geiste des einstigen aufsässigen Poltergeistes. Ende der Siebzigerjahre wurde zur Aufwertung des Preises in den Statuten festgelegt, dass das Preisgericht selbst Autoren vorschlagen kann.   

In der Folge wurde die Zielrichtung noch stärker auf das geistige Erbe Schubarts ausgerichtet, zu dem auch dessen journalistische Dimension zählt. Beispielsweise wurde der Publizist und Romancier Ralph Giordano  zusammen mit dem Nestor der regionalen Kulturgeschichtsschreibung, Prof. Dr. Hermann Baumhauer ausgezeichnet. Nicht zuletzt wegen dieser Preisverleihung hatte sich Giordano, der im Dezember 2014 gestorben ist, dann intensiv mit der Gestalt Schubarts beschäftigt, wie sich Bausinger erinnert.  

Gab es für Hermann Bausinger ein Leben nach dem Schubart-Preisgericht? Eigentlich war er ganz froh, dass er jetzt „nirgends mehr dabei ist“. Denn das Feld, das er beackert, ist wahrlich ein weites. Schließlich erfüllt er idealtypisch die Forderung, die einst der Pfarrer und Schriftsteller Johann Peter Hebel an einen Leiter des „Badischen Landkalenders“ gestellt hat, den er selbst viele Jahre geprägt hat: Dieses Geschäft solle an eine Persönlichkeit übertragen werden, die „beobachtend mit und unter dem Volke lebt“.

Nachzulesen in Bausingers – natürlich – espritvoller, verständlicher Essaysammlung über badische und schwäbische geistliche Literaten „Seelsorger und Leibsorger“. Dort findet sich auch ein Zitat von Friedrich Nietzsche, der die Ärzte – mit einem Seitenhieb auf „die geistlichen Ärzte“, denen ein Gebildeter aus dem Wege gehe - als Seelsorger in die Pflicht genommen hat. Sie müssten „eine Beredsamkeit haben, die sich jedem Individuum anpasst und ihm das Herz aus dem Leibe zieht“. Ins Heute übersetzt könnte man sagen „das Herz öffnet“.   

Zu seinem 90. Geburtstag ist der jeden Preis werte Germanist, Kulturwissenschaftler und begnadete Erzähler von der angeblich rauen Ostalb mit dem Europäischen Märchenpreis ausgezeichnet worden. Seine Fangemeinde und sich selbst hat der unermüdliche Forscher, der nach wie vor häufig in „seinem“ Ludwig-Uhland-Institut in Tübingen anzutreffen mit einem in jeder Hinsicht ihm gemäßen Werk beschenkt: „Eine schwäbische Literaturgeschichte“. Hoffentlich bleibt uns dieser hoch gebildete, charmante, feine Land-und Leute-Kenner noch lange erhalten.                    John Wolf

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