Verblüffende Schule des Sehens Empfehlung

Foto: Peter Hageneder Foto: Peter Hageneder

Der Kunstverein Aalen zeigt bis 25. September in der Ausstellung „Zwischenspiel“ Werke aus eigenen Beständen und Arbeiten aus Oberstufen-Kunstkursen am Kopernikus-Gymnasium Wasseralfingen, die von dem renommierten Künstler und Pädagogen Georg Heller geleitet wurden.

Eine erkenntnisreiche Schule des Sehens, in die der Lehrer bei der sonntäglichen Vernissage eine ganz praktische Einführung in das Kunst-Handwerk gegeben hat.

Werkstatt ist in diesem Zusammenhang kein ungebührlicher Begriff. In seinen Oberstufen-Kunstkursen bringt der vor allem durch seine großartig narrativen Linoldruckgiganten bekannt gewordene Georg Heller seinen Schülerinnen und Schüler das Kunst-Handwerk bei. Mit ungewöhnlichen Methoden. So zerknüllt er einen großen Papierbogen; tritt noch kräftig darauf herum, damit möglichst viele markante Faltstrukturen entstehen – und lässt dieses Wabenchaos auf seine Kursteilnehmer los.

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Die Faltgrate sind nichts anderes als Linien, die ganz unterschiedlich ausgeformte Flächen begrenzen. Auf deren Herausforderung gilt es mit lockerer Hand zu reagieren, Strich um Strich. Oder die über ein fotografiertes Porträt gelegten Rasternetze Fläche für Fläche, also Detail für Detail in die eigene Seherfahrung umzusetzen. Harte Arbeit, die viel Konzentration und Ideen verlangt.

Das zeigt Heller beispielhaft in einer Art Crash-Kurs einem großen Publikum, dessen Durchschnittsalter um rund 40 Jahre unter dem sonst ortsüblichen liegen dürfte. Ziel der Übungen ist, die Hand aus dem Bewegungsritual des alltäglich Gewohnten zu befreien; ja, den ganzen Arm quasi aus einer auf das Schreiben – und damit auf das Wort – fixierten Extremität in ein gestalterisches Instrument umzucodieren. Wie hält und führt man einen Pinsel; wie übt man den richtigen Druck auf das Zeichen- und Malutensil aus – das kann man lernen. Parallel dazu lernt das Gehirn, sich von Wahrnehmungsstereotypen zu lösen, die einer bestimmten Form gleich einen bestimmten Inhalt zuschreiben. Und damit die gestalterische Fantasie schon im Keim kanalisieren.

Die Resultate von Hellers Lehr-Stunden legen zwei- und dreidimensional in Detail-Zeichnungen, wahrlich facettenreichen Porträts und aus Ton geformten und gebrannten Köpfen und Büsten eindrucksvoll Zeugnis davon ab, dass die erst Siebzehnjährigen mit einer erstaunlichen Reife und gestalterischer Neugier Sehen gelernt haben. Sie haben der Wirklichkeit im Wortsinn viele Gesichter gegeben. „Zerknittert“ „hinter Gittern“ heißt es frech „Hosen runter“ – ohne eines je zu vergessen „Der Tod ist zum Greifen nah“.

Begleitend dazu zeigt der Kunstverein unbedingt sehenswerte analog und digital entstandene Werke von Thomas Bayrle, Kathrin Beck, Binu Thomas, Artur Elmer, Hermann Gerstung, Amouzu Glikpa, Gundel SC, Ralph Künzler und Gustav Reinhardt. Dass bei ihnen die Linie eine entscheidende Rolle spielt, verwundert nicht. Staunende Bewunderung gar lösen Gerstungs „Fraktale“ mit ihrer aus gebrochenen Zahlen generierten scheinbar grenzenlos nuancierten Komplexität aus. Auch Artur Elmers fortschreitende Auseinandersetzung mit den digitalen Möglichkeiten führt ihn zu verblüffenden ganz unterschiedlichen malerischen und formalen Kreationen. Sie finden ihr analoges, nur auf den ersten Blick ganz anders geartetes Pendant beispielsweise in den zarten Zeichenkompositionen von Kathrin Beck und der in der tantrischen Philosophie basierten reichen Ornamentik ihres Partners Binu Thomas.

 

Info: In der nur bis 25. September dauernden Ausstellung im 1. und 3. OG im Alten Rathaus liegt auch ein zum 70. Geburtstag von Waltraud Schwarz entstandener Katalog auf.      

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