Auf einem Bein und niemals allein Empfehlung

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Ian Anderson spielt sich beim Festival Schloss Kapfenburg wirkungsvoll durch die Hitliste von „Jethro Tull“


„Auf einem Bein und niemals allein, so schlafen Flamingokinder“, verrät uns ein Kinderbuch. Auf einem Bein und niemals allein ist auch Ian Anderson. Zuletzt beim Kapfenburg-Festival, wo er vor den zahlreichen Fans, die ihm im malerischen Hof der einstigen Deutschordensfeste lauschten, mit „Living in the Past“ den Familienabend der Altrocker eröffnet hat. Der Neunundsechziger bevorzugt dabei indes die Kranichpose und bläst quicklebendig seine Querflöte. Und die Hits aus fast 50 Jahren.Warum er damals nicht nach Woodstock gekommen sei, ist der Schotte in einem Interview gefragt worden. „Nackte Frauen, die sich im Schlamm wälzen? Ohne mich.“, hat er geantwortet. Deshalb muss er sich im schwäbischen Gemäuer sauwohl gefühlt haben. Bis auf wenige tätowierte Hardcore-Fans mit bedrucktem Muskel-Shirt und grauem Bart über der Bierwampe klatschen Ian Anderson („Ich bin nicht Mr. Tull“) und seinen vier Begleitern (John O’Hara, Keyboard,  Greig Robinson, Bass, Florian Opahle, Sologitarre und  Scott Hammond, Schlagzeug) lauter sehr zivil gekleidete Menschen mittleren bis fortgeschrittenen Alters herzlich Beifall. Einige haben offensichtlich ihre Enkel mitgebracht. Man muss ja heutzutage früh mit der musikalischen Bildung anfangen.     

Was Anfang der 1970er-Jahre als Progressive Rock schreckte, provoziert heute höchstens das verwunderte Staunen: „So was habt ihr damals gehört?“ Na sowas. Und es hört sich immer noch gut an, wenn Anderson Land und Leute und die gesellschaftlichen Verhältnisse besingt und beflötet; oder seine immer noch äußerst ohrgängige Adaption der Bourrée des Ba-Rockers J. S. Bach vom frühen Album „Stand up“ intoniert. Mit dem Singen hapert es allerdings, seit er sich Mitte der 1985er-Jahre mit den Songs des Albums „Under Wraps“ die Stimmbänder ruiniert hat. Vielleicht reckt und streckt er sich am Mikro deshalb so sehr in die Höhe, damit er die hohen Töne noch einigermaßen rauskriegt.     

Aber das sieht man dem Altmeister gerne nach, wenn er mit der Silberflöte über die Bühne kreiselt, wie in dem klasse Song „My God“. Und die Lacher auf seiner Seite hat, wenn er mit der Pose des martialischen Hartmetallers kokettiert und dabei „aus Versehen“ mit der Tröte auf sein „Ding“ haut. „Thick as a brick“ ( frei übersetzt „saublöd“) eben. In „Banker bets, banker wins“ (auf „Thick as a brick 2, 2012) nimmt er sich dagegen die Geldhaie zur Brust. In bewährter Kompositionsmanier mit einem Mix aus Folk, Rock, etwas Klassik – und ganz viel Anderson. Noch ausgeprägter in seinem breit ausgemalten Landschaftsgemälde „Songs from the wood“.


Der innovative Mann von der Insel macht keine Musik zum Mitklatschen und –singen. Es fehlen die eingängigen Refrains. Dennoch hat er etliche Hits auf seiner Songliste. Zwei der ganz Großen fehlen an diesem wunderschön entspannten Abend auf Schloss Kapfenburg noch. Mit „Toccata and Fugue“ weist Florian Opahle auf seiner Halbakustischen mit flinken Fingern und hammerhart schon mal die Richtung. Zu „Aqualung“ und „Locomotive Breath“. Da fühlen wir uns wieder so jung wie die Enkel – nur auf einem Bein balancierend Flöte spielen, das lassen wir lieber.      jow

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