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Frauen und Anwälte zuerst

Foto: Walter Laible Foto: Walter Laible

Stuttgarter Juristenkabarett schippert mit der MS Justitia vom Nesenbach an die Rems.


 Woran erkennt man Juristen? Bei den meisten am Gesicht oder auf jeden Fall bei der Antwort „es kommt darauf an“. Das Stuttgarter Juristenkabarett feiert sein 60jähriges Jubiläum und tritt in der Gmünder Theaterwerkstatt auf, allerdings ohne die Gründungsmitglieder.
Der Ozeandampfer MS Justitia nimmt das volle Haus der Theaterbesucher als seine Kreuzfahrtpassagiere auf. Vor dem Vergnügen mit dem Unterhaltungsprogramm kommt die Rettungsübung. Die Offiziere in weißen Matrosenanzügen und roten Schwimmwesten legen die Reihenfolge der Rettungsbootbesteigung dezidiert fest. „Frauen und Anwälte zuerst“ ist die Devise. Dann können die Anwälte jedenfalls nicht mehr klagen. Und es wird verhindert, dass der Kapitän als erster das sinkende Schiff verläßt. Aber was ist, wenn der Kapitän auch Anwalt ist?  Und wie weisen sich die Passagiere aus, als Frau oder als Anwalt?


Die Mannschaft intoniert frech das Dreigroschenopernlied vom Haifisch, der ein Anwalt ist, zu Akkordeonbegleitung. Die Chefstewardeß verliest die Regeln zur Regenbogenfarben gekennzeichneten Benutzung der Örtlichkeiten, entsprechend der sexuellen Vorlieben von Lesben, Schwulen etc. „In Zweifelsfällen wenden Sie sich bitte an unseren Bordnotar“.


Bei den exklusiven Speisen verschlägt es der Passagierin zunächst den Appetit. Nach Nachhaltigkeit bei der Fischzucht hatte sie gefragt. In einem Extrapool schwimmen die Fische - bis zu ihrem natürlichen Ableben. Das Bordrestaurant ist auf alle Diätexzesse vorbereitet, vegetarisch, vegan, glutenfrei, laktosefrei, alle Wünsche werden bedient. Mit Zöliakie - Glutenunverträglichkeit - kann eine Urlauberin nichts anfangen, sie ist ja nicht katholisch.
Der Kapitän begleitet seine Gäste zum Landgang. Eine grandiose Aussicht auf Stuttgart im Jahr 2025. Eine Seenlandschaft, selbst die Königsstraße geflutet, nach dem großen Mineralwassereinbruch durch Stuttgart 21. Kein Feinstaubalarm stört die Idylle mehr.
„Auf dem Nesenbach mittags um eins“ singen die Akteure.


Service wird groß geschrieben. Eine maritime Urteilserklärungsstelle MURKS klärt auf über die Gerichtsurteile. Kretschmann weilt unter den Passagieren, er stellt sich als Ministerpräsident von Baden-Württemberg vor. Heißt der denn nicht Späth? Nein, der Späth kümmert sich jetzt zusammen mit Genscher um die Aussöhnung von Himmel und Hölle. Beckenbauer ist auch an Bord. Er labert über die Fifa-Freunde, die Fußball-Weltmeisterschaft. Panama Papers - wer hat das geschrieben, der Janosch? Auf Steuerhinterziehung angesprochen, weiß er nur, „Steuerhinterziehung, wie soll denn das gehen, ich zahl ja überhaupt keine Steuern“.


Der „Talk an Bord“ nimmt sich des Themas Zuwanderung an und die üblichen Verdächtigen auf die Schippe, als da sind, der Arbeitgeberverband, die Anwaltsorganisation, die Ev. Kirche und die Bundesorganisation der Blockflötenpädagogen. Pointenreich und aktuell schreitet die Vorstellung zum Höhepunkt, dem Nachspielen eines Gerichtsurteils, das vom Ostfriesischen ins Schwäbische übertragen wird. Da muss dann Richter Thorsten Majer,  noch einen Dolmetscher für Schwäbisch und Hochdeutsch hinzuziehen, Thomas Lang, alias Anwalt und Krimiautor, damit die Klägerin Elke Kunzi , alias Rechtsanwältin, versteht, was die Ehefrau des Beklagten Herbert Anderer, alias Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht Stuttgart aus den Zuschauerrängen einwirft. Das höchst vergnügliche Spektakel, das Richterin Anette Heiter inszeniert hat, fand einhellige begeisterte Zustimmung beim Gmünder Publikum.

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