Sperrig, aber spannend Empfehlung
- geschrieben von -uss
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Hier sind sie versammelt zum unfröhlichen Tun: (v.l.) Simon Löcker (Max), Klaus Rodewald (Emanuel Freiherr von Stetten), Felix Strobel (Strasser), Therese Dörr (Ada Freifrau von Stetten), Tim Bülow (Karl).
Fotos: Julian Baumann
Ein riesiges Frauenbein erstreckt sich über die gesamte Bühnenbreite des Schauspiels Stuttgart. Darin öffnen und schließen sich wuchtige Türen. Jetzt im Advent könnte man sie als Kalendertüren identifizieren.
Nur sind die Überraschungen, die sich dahinter verbergen, eher unfroher Natur. Keine guten Aussichten im heruntergekommenen Hotel „Zur schönen Aussicht“.
Ambivalenz prägt die erste Inszenierung von Christina Tscharyiski am Stuttgarter Haus. Dafür spricht schon die monumentale Beinskulptur, die Sarah Sassen als Spielort platziert hat. Ein Fuß steckt in einem Stiefel, der andere ist nackt. Auf und vor dem Koloss geht’s zur Sache. Festgezurrt ist der Schenkel mit Tau und Seilen. Mit denen kann man sich vom Torso, der Assoziationen an Gullivers Reisen weckt, abseilen oder hinaufklettern. Eigentlich würden sich die meisten ohnehin am liebsten abseilen.
Wären da nicht die äußeren Verhältnisse, die sie in diesem frühen Stück des österreichischen Dramatikers Ödön von Horvath hier anbinden. Sie alle kämpfen ums materielle Überleben in Zeiten von Inflation, Rezession und Arbeitslosigkeit Ende der Zwanzigerjahre. Der Hotelbesitzer Strasser, der Kellner Max, der Chauffeur Karl, der Freiherr Emanuel von Stetten und der faschistische Geldeintreiber Müller.
Nur eine kämpft um ihr eigenes Überleben. Ada Freifrau von Stetten, der einzige Gast des Hotels, die einzige Geldquelle, alt, desillusioniert, lebenshungrig soweit es die körperliche Verfassung zulässt – und despotisch. Weil sie weiß, dass die gesamte Belegschaft an ihrem Tropf hängt. Später wird noch Christine aus dem Bauch des Beins auftauchen. Damit ist das gesamte Personal versammelt, dem man so oder so ähnlich in Horvaths späteren „Volksstücken“ begegnen wird.
Diese sind so wenig traditionelle Volksstücke, wie „Zur schönen Aussicht“ eine Komödie ist. Es ist auch keine Satire, sondern in Tscharyiskis Sicht das Psychogramm einer kaputten Gesellschaft. Die sie jedoch nicht realistisch agieren lässt, sondern ganz im Sinn des Dramatikers stilisiert. Sein Jargon der Uneigentlichkeit, dieses nur auf den ersten Blick sinnentleerte Aneinandervorbeireden, erhält in diesem Stück seine erste Bewährungsprobe.
Das macht den Zugang zunächst sperrig. Was soll das denn heißen? Bis man erkennt, was hier ganz beiläufig an Gemeinheiten aus der jeweiligen mörderischen und kriminellen Vergangenheit niederträchtig ausgetauscht wird. Doch wen juckt’s, schließlich sitzt man zusammen in einem löchrigen Boot. Was nichts am hierarchischen Umgangston ändert. Vorneweg die Ada der Therese Dörr. Miriam Draxl hat sie in ein enges langes Kleid gezwängt, das vorne schon leicht aus dem Leim geht. In Verbindung mit der sehr hohen Stirn ist sie eine verwelkte Schönheit, die sich ihres Verfalls durchaus bewusst ist. Ihre Stimmungsschwankungen zwischen weinerlichem Selbstmitleid, geiler Lust und souveräner Dominanz bringt Therese Dörr brillant auf den Punkt. Aber sie weiß auch um die Macht des Geldes, über das sie als einzige verfügt. Und lässt die Männer nach ihrer Pfeife tanzen.

Vergangenheit trifft Zukunft, Ada (Therese Dörr) und Christine (Laura Balzer).
Wie den Hotelbesitzer Strasser, den Felix Strobel als windigen, gejagten Charakter mit herrischen Zügen zeichnet. Simon Löcker behauptet als Kellner Max einen Rest von Selbstbewusstsein mit dem Hinweis auf seine Vergangenheit als Kunstgewerbler. Vielleicht hat ihm die Regie deshalb eine Jacke aus Federn über die kurzen Hosen gezogen. Der Karl des Tim Bülow versucht als devoter und zugleich tückischer Chauffeur über die Runden zu kommen. Selbst als Adas Liebhaber. Ob sie sich deshalb die Seele aus dem Leib kotzt?
Klaus Rodewalds Baron spielt als Adas Zwillingsbruder facettenreich den notgeilen, pleite gegangenen Nassauer, der sich vergeblich im verblassten Glanz der Aristokratie sonnt. Der Name Müller des Geldeintreibers ist so häufig wie die rücksichtslosen, egoistischen, rassistischen Figuren, die Jahre später Horvath zur Ausreise nach Frankreich veranlassten. In Gábor Biedermanns Darstellung begegnet uns Müller just als dieser Prototyp des eiskalten Überleichengehers.
Fehlt noch eine. Christine. Im Original erscheint sie dunkel gekleidet auf der Bühne; in dieser Inszenierung trägt sie ein hoffnungsvolles Grün. Laura Balzer behauptet sich mit zwar zarter, aber energisch grundierter Stimme gegen die Männerhorde. Geschwängert von Strasser, hat sie einen Trumpf im Ärmel, den sie erst ausspielt, als ihre Hoffnung, von ihm angenommen zu werden, zynisch enttäuscht wird. Sie hat 10.000 Mark geerbt. Eigentlich wollte sie mit dem Geld das Hotel aufhübschen. Jetzt aber nimmt sie den nächsten Zug. Ganz selbstbewusst steht sie oben auf dem Torso. Dann fällt der Vorhang. Freundlicher Beifall für ein dunkles Stück.
Info: Nächste Aufführungen am 30.11.; 8. und 12.12.25; www.schauspiel-stuttgart.de
Wolfgang Nußbaumer
(25.11.2025)