Satirisches Verwirrspiel um Karl May

Martin Wuttke sagt im Video, was Sache ist, während Ann Göbel auf der realen Bühne mit sich selbst beschäftigt ist. Martin Wuttke sagt im Video, was Sache ist, während Ann Göbel auf der realen Bühne mit sich selbst beschäftigt ist. Fotos: Luna Zscharnt

„Alles Show, alles wahr“, behauptet der Programmzettel zu dem Stück „Karl May“. Zumindest in diesem Punkt ist das Publikum, das im Halbrund auf der Hinterbühne in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin Platz genommen hat, auf der sicheren Seite.

   Doch geht es in dem Text von Enis Maci und Mazlum Nergiz überhaupt um den Erfinder von Winnetou, Old Shatterhand und Kara ben Nemsi? Oder wird ihm einfach eine absurde Satire geboten?

   Die in Gelsenkirchen geborene Dramatikerin Enis Maci hat albanische Wurzeln; ihr Co-Autor Mazlum Nergiz stammt aus der Türkei. Insofern haben sie historische Bezüge zu Karl Mays Orientzyklus. Sein Werk jedoch war ihnen zuvor fremd. So weit so gut. Aus diesem Zyklus haben sich die beiden angesehenen Theatermacher indes nicht bedient. Auf der von Leonard Neumann in sein Bühnenbild integrierten großen Leinwand, die das Halbrund vervollständigt, wiegen sich Kakteen sanft im Wind. Echt sind sie nicht; neckisch aufgeblasen wie das Plastikrund in der Mitte des Spielorts. Auf ihm steht eine Rodeomaschine, bereit zum Bullenreiten. Auf sie schwingt sich eine junge Frau (Ann Göbel mit betont gestelzter Sprache) im Cowgirl-Kostüm.

   Ein abgefuckter Typ mit Kippe im Mundwinkel setzt das Gerät an einem roten Steuerkasten in Bewegung. Nicht zu wild, aber immerhin in einem Tempo, dass man die Reiterin dafür bewundert, wie sie da Satz an Satz aneinanderreiht. Der Sinn der Worte ist nicht wichtig. Denn „was wir hier machen, ist so lachhaft“. Der Dritte im Bunde (Oscar Olivo), grauhaarig im cremefarbenen Dandyanzug, dessen Sakko symbolträchtig geschnitten ist. Vorder- und Rückseite sind gleich. Von Beruf Psychiater, fragt er die Reiterin nach ihrer allerersten Erinnerung. Sie will jedoch nur vergessen; worauf er sie hypnotisiert. Punkt.

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   Immer, wenn die Drei etwas Wichtiges zu sagen haben, verschwinden sie in einem Nebenraum, um dann zur von Maximilian Weber generierten Musik in Großaufnahme auf der Videoleinwand zu erscheinen. Auf diese Weise wird Martin Wuttkes faltige Physiognomie zum Gesicht dieser Inszenierung. „Wo bleibt die Angst“, will er wissen. „Wovor? Dass die Zeit mit den Flügeln schlägt und rückwärtsläuft?“ Das ist so poetisch wie die verpixelte Palme auf der Leinwand, die sich in eine Flasche mit der Aufschrift „Mythos“ verwandelt. Den von Karl May mit seinen Romanen geschaffenen, oder der um den Autor selbst? Von beiden künden die Festspiele in Bad Segeberg, die erwähnt werden. Und natürlich das Video vom großen Wasserfall der Plitvicer Seen in Kroatien, wo ein großer Teil der Karl-May-Filme gedreht worden ist.

   Irgendwann zielt Martin Wuttke mit dem Henrystutzen von der Leinwand in die Realität davor und erschießt den Psychiater. Fließen da Fiktion und Wirklichkeit zusammen? In der Umkehrung die Realität auf der Leinwand mit der Fiktion auf der Bühne? Schon verwirrend. Eines bleibt auf jeden Fall in bester Erinnerung. Martin Wuttkes großartig sprechendes Gesicht in Großaufnahme. Und sein brillanter Umgang mit der Fülle an Worten, die ihm die Autoren in den Mund gelegt haben.

   Info: Nächste Aufführungen am Mittwoch, 14. Februar, 19 Uhr; Donnerstag, 14. und Montag, 25. März, jeweils 19.30 Uhr; Karten www.volksbuehne-berlin.de 

 

Wolfgang Nußbaumer  

(06.02.24)   

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