Vergangenes bis Zukünftiges Empfehlung

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Flankiert von Arne Braun und OB Richard Arnold trägt sich José F. A. Oliver in das Goldene Buch der Stadt ein. Flankiert von Arne Braun und OB Richard Arnold trägt sich José F. A. Oliver in das Goldene Buch der Stadt ein. Fotos: Hartmut Hientzsch

José F. A. Oliver geht mit offenen Augen durch die Welt. Er sieht, erkennt und bringt die Seherfahrung in poetische Form. Das darf man vom Präsidenten des deutschen PEN erwarten.

   Zu seinem Festvortrag bei der Eröffnung der 40. Baden-Württembergischen Literaturtage im „Prediger“ in Schwäbisch Gmünd hat er die Erinnerung an eine kuriose Bekanntschaft mitgebracht.

   Sie saß auf einem Baumstumpf und hatte ein Buch in der Hand - mit leeren Seiten. Leere Seiten beflügeln automatisch die Fantasie eines Schriftsteller, sie zu füllen. Die Bekanntschaft war ein Gartenzwerg in einem Geschäft. Wie ließ sich das leere Buch interpretieren? „Ob das schon eine Allegorie war?“, denkt der Dichter. Spinnt den Faden fort (worin könnte man seine Fantasie mitnehmen?), und landet nahezu zwangsweise bei einem Koffer. So simpel wie der Zwerg. Allerdings kann man ihn als Symbol des Reisens deuten. Als „Gegenstand, der Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges vereint“.

   Oliver weist sein Publikum auf ein Gedicht hin, das er mit 16 Jahren geschrieben hat. „Der Eindringling“. Es wurde tatsächlich vom Fischer-Verlag in Frankfurt in eine Anthologie aufgenommen mit dem Titel „Sehnsucht im Koffer“. Da war der junge Mann natürlich stolz wie Bolle. Er hat das Taschenbuch einer Nachbarin vor die Tür gelegt. Als er sie dann getroffen hat, vor Neugierde brennend, wie sie sein Gedicht wohl aufgenommen habe, gab sie ihm einen entscheidenden Hinweis. „Mach doch den Koffer auf!“

   Fortan hat der junge Spanier geschrieben. Und tut es immer noch. Kurzprosa, Essays zu kulturpolitischen Themen und Gedichte. Und er viel gelesen. Mit jedem Buch hat er neue Koffer geöffnet und viel gelernt. Den Doppelpunkt hat er noch für sich entdeckt; den im Wort. Was ergibt sich, wenn man ihn nach dem ersten Buchstaben setzt? W:orte zum Beispiel. Oder W:erden. Denn Oliver schätzt Sprach- und Wortexperimente über alles.

   Er ist auch ein Förderer. Wie von Ernst Siegfried Steffen. Der gebürtige Heilbronner, der am 10. Dezember 1970 an den Folgen eines Autounfalls gestorben ist, hat die Hälfte seines 34jährigen Lebens hinter Mauern verbracht. Davon fast 14 Jahre hinter Gittern. Dort ist auch sein Schreibtalent entdeckt worden. Im Gefängnis hat er Gedichte geschrieben, die Oliver tief bewegt haben.  „Ein Werk von schonungsloser Erkenntnis-Demut“, wie er sagt.

   Dokumente eines Unbehausten. Wie der bei Kröner jüngst erschienene und von Anton Knittel in einer Neuauflage herausgegebene Band „Wenn ich nach Hause komme“ belegt. Für Hilde Domin sind diese Texte aus dem „Schmerz“ geboren.

 

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   Zu Beginn hatte Gmünds OB Richard Arnold das weit überwiegend aus Zuhörerinnen bestehende Publikum in der „Landeshauptstadt der Literatur und Poesie“ begrüßt. Angesichts des Ukrainekonflikts und weiterer Krisenherde und großer Unglücksfälle auf der Welt sei die Kultur etwas ins Hintertreffen geraten. Zu Unrecht, denn „die Kultur ist Teil der Lösung“, wie Arnold betonte. Staatssekretär Arne Braun vom Ministerium für Wirtschaft, Forschung und Kunst stellte fest: „Wir leben in fast hysterischen Zeiten“. Streit müsse es zwar geben. Diesen verbal in einer angemessenen Form auszutragen, sei jedoch verlernt worden. Kunst und Kultur könnten indes dazu beitragen, die Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Meinungen wieder zu zivilisieren. Zur Rolle der künstlichen Intelligenz meinte Braun, „KI bleibt immer künstlich - also nachgemacht“. Weshalb ihm lebendige Menschen in der Kommunikation lieber sind.

   Anspruchvoll musikalisch umrahmt hat die Eröffnung der Literaturtage, in die auch ein Eintrag ins Goldene Buch der Stauferstadt eingebunden war, der virtuose Schlagwerker Rostislav Balciunas auf dem Marimbaphon. Seit 2022 leitet Balciunas die Schlagzeugabteilung in der Städtischen Musikschule Schwäbisch Gmünd.

Wolfgang Nußbaumer

(03.10.2023)

      

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