Clytus Gottwald

Clytus Gottwald Foto: Hartmut Hientzsch

Der Stuttgarter Chorleiter, Komponist, Musikwissenschaftler und Rundfunkredakteur Clytus Gottwald ist im Alter von 97 Jahren verstorben.

   Das Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd trauert um einen der bedeutendsten Festival-Mentoren, der 2012 für seine wegweisenden Anregungen zur Schaffung und Vermittlung Geistlicher Musik mit dem „Preis der Europäischen Kirchenmusik“ ausgezeichnet wurde. 

   Dankbar erinnern sich die Festivalorganisatoren an den Preisträger und „Vater des modernen Chorgesangs“: Clytus Gottwald gründete 1960 die „Schola Cantorum Stuttgart“ – ein 16- bis 18-stimmiges professionelles Vokalensemble, das bis zu seiner Auflösung 1990 über 80 Ur- und Erstaufführungen auf Festivals im In- und Ausland zur Aufführung brachte. Pierre Boulez, Mauricio Kagel, Dieter Schnebel, Helmut Lachenmann, Krzysztof Penderecki, György Ligeti, Heinz Holliger und viele weitere Komponisten schrieben für diese Formation. Zu den Ensemblemitgliedern zählte damals auch Dr. Ewald Liska, der über die enge Freundschaft mit Clytus Gottwald – beide waren als Redakteure für den Süddeutschen Rundfunk tätig – als Künstlerischer Leiter zum Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd kam.

   Clytus Gottwald war neben der Chorpraxis auch als Komponist tätig. Seine Verdienste für die zeitgenössische Vokalmusik sind bis heute von besonderer Bedeutung: Er bearbeitete Werke der Spätromantik und des Impressionismus, die eine neue, ebenso anspruchsvolle wie sinnliche Qualität boten. Seine über 100 innovativen polyphonen Bearbeitungen, darunter die wegweisende Transkription von Gustav Mahlers Rückert-Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ (1985), sind legendär und gehören zum festen Repertoire vieler professioneller Konzertchöre. 

   Der geistlichen Musik war Clytus Gottwald besonders verbunden und eröffnete ihr neue Horizonte. In theoretischer und praktischer Auseinandersetzung verwies er auf die spirituelle Kraft der Musik, die sich oft gegen die offizielle kirchliche Lehre zu emanzipieren hatte. Mehrfach standen seine Bearbeitungen für Vokalensembles beim Festival Europäische Kirchenmusik auf dem Programm – zuletzt im Sommer 2022 mit dem Stuttgarter Kammerchor unter der Leitung von Frieder Bernius. 

   Clytus Gottwald wurde am 20. November 1925 im schlesischen Bad Salzbrunn geboren. Nach der Kriegsgefangenschaft studierte er zunächst Gesang und Chorleitung. Es folgte ein Studium der evangelischen Theologie, Soziologie und Musikwissenschaft in Tübingen und Frankfurt, wo er 1961 promovierte. Zwischen 1958 und 1970 war Gottwald Kantor an der Paulus-Kirche in Stuttgart. Von 1960 bis 1990 leitete er die „Schola Cantorum Stuttgart“. Daneben wirkte er von 1967 bis 1988 als umfänglich produktiver Redakteur für Neue Musik beim damaligen Süddeutschen Rundfunk (SDR) in Stuttgart. Er absolvierte ein reiches Pensum an Gastdirigaten bei europäischen Radio-Chören.

   Von 1961 bis 2004 arbeitete er musikwissenschaftlich als Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) auf dem Gebiet der Paläographie, der musikalischen Handschriftenkunde. Er dokumentierte alte Musikhandschriften und fertigte zahlreiche wissenschaftliche Kataloge. Clytus Gottwald war Mitglied im „Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique“ (IRCAM) in Paris, in das ihn 1972 Pierre Boulez berief. 2009 wurde er mit dem Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet, 2014 erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande und 2016 den Kunstpreis des Landes Baden-Württemberg. 

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