13 Minuten haben gefehlt Empfehlung

13 Minuten haben gefehlt Fotos: -uss

13 Minuten. 780 Sekunden haben gefehlt, um der Welt eine andere Geschichte zu schreiben.

   13 Minuten früher als von Georg Elser eingeplant, hat Adolf Hitler am 8. November 1939 den Bürgerbräukeller in München verlassen, um den Zug nach Berlin noch zu erreichen. Über das Leben des Schreinergesellen aus Königsbronn und seinen Sprengstoffaufschlag auf den Diktator informiert bis 27. Januar eine Ausstellung im Kulturbahnhof in Aalen.

   „Elser, ein Kind der Ostalb, wollte die Welt vor großem Unheil bewahren“, hat Joachim Ziller zu Beginn seines Vortrags bei der Eröffnung der Ausstellung festgestellt. Dass sein Attentat fehlschlug, hat nicht nur rund 55 Millionen Menschen das Leben gekostet, sondern auch die Erinnerung an den tapferen Mann in der Versenkung verschwinden lassen. 50 Jahre habe es gedauert, bis dessen Schicksal in seinem Heimatort wieder thematisiert werden durfte, gibt der Leiter der dortigen Georg-Elser-Gedenkstätte mit einem deutlichen Unterton des Bedauerns zu bedenken. An den Hitler-Attentäter Oberst Graf Stauffenberg erinnert indes bereits seit 1960 im Bendlerblock in Berlin eine Gedenktafel.

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   Ziller schildert den Schreinergesellen als durchaus eigenen und selbstbewussten Charakter mit ausgeprägtem Drang zur persönlichen Freiheit. Schon Anfang der Dreißigerjahre habe er die schlechte Lage der deutschen Arbeiterschaft kritisiert und kommunistisch gewählt. Ferner ist bekannt, dass Elser vermutet hat, dass es beim „Münchner Abkommen“ vom 29. November 1938, wonach die Tschechoslowakei das „Sudetenland“ an das Deutsche Reich abzutreten habe, nicht bleiben und es zu einem Krieg kommen werde.

   Schon ein Jahr zuvor hatte er sich entschlossen, ein Attentat auf die „Obersten“, auf Hitler, Göring und Goebbels, zu verüben. Er recherchierte, dass Hitler seit der Machtübernahme 1933 immer am Abend des 8. November im Bürgerbräukeller eine Rede hielt. Zur Erinnerung an seinen fehlgeschlagenen Putschversuch am 9. November 1923, bei dem 15 seiner Anhänger starben. Georg Elser mietet sich in München ein, höhlt in nächtelanger Arbeit mit Meißel, Bohrwinde und Steinbohrer eine tragende Säule aus und platziert dort seine Bombe, die mit einem zur Sicherheit aus zwei Uhrwerken bestehenden Zeitzünder zur Explosion gebracht werden kann.

   Er hat alles richtig gemacht

   Er hat alles richtig gemacht; nur das Schicksal spielt nicht mit. Weil der Führer wegen seiner Kriegsvorbereitungen rasch wieder nach Berlin will, macht er sich nach seiner Rede 13 Minuten früher als gewohnt auf den Weg zu seinem Sonderzug. Als seine Bombe detoniert, befindet sich Elser bereits in Konstanz, wo er sich über den Grenzzaun in die Schweiz in Sicherheit bringen möchte. Sein Pech, dass er von zwei Zollbeamten festgenommen wird. In seinen Taschen finden sie unter anderem eine Ansichtskarte des Bürgerbräukellers und Uhrwerkteile.

   Als in der Nacht in Konstanz die Nachricht vom Attentat eintrifft, gilt Elser als verdächtig. Er wird nach München zur Gestapo gebracht, verhört und geschlagen, bis er ein Geständnis ablegt. In der Folge will Adolf Hitler den Mann aus Königsbronn als Sonderhäftling hinter Gittern wissen, um ihn nach dem „Endsieg“ in einem Schauprozess als Agenten des britischen Geheimdienstes verurteilen zu lassen. Zunächst kommt Elser in das KZ Sachsenhausen, später nach Dachau. Dort wird er am 9. April 1945 auf Befehl Hitlers ermordet.

   Welche Auswirkungen hat das Handeln des Schreinergesellen auf seine Heimatgemeinde? Ziller: „Die Gestapo fiel gnadenlos in Königsbronn ein.“ Mit dem Ergebnis, dass ein großer Teil der Einwohner die Familie Elser zu hassen begann. Man schämte sich sogar. „Ihn hätte man sich nach dem Krieg als Vorbild vorstellen können“, meinte der Referent. Das Gegenteil war der Fall. Georg Elser wird durch verschiedene Gerüchte als Agent des britischen Geheimdienstes denunziert; schlimmer noch: Die Nationalsozialisten hätten die Tat selbst arrangiert, um die „Vorsehung“ preisen zu können, die über dem „Führer“ wache. „Pastor Martin Niemöller erklärte 1946 öffentlich, Elser sei in Wahrheit ein Werkzeug der SS gewesen“, kann man in den von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg herausgegebenen „Materialien“ zu Georg Elser nachlesen.

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   In Königsbronn wollte man sich mit dieser Vergangenheit nicht konfrontiert sehen. Das durch die Verhöre der Gestapo ausgelöste Trauma hielt lange an. Erst in den 1980er-Jahren wurde die Erinnerung an den mutigen Sohn der Gemeinde wieder ins Bewusstsein gerufen. Anders als ein Graf Stauffenberg „hatte Elser niemand hinter sich“, resümiert Joachim Ziller. Und erst 1997 hat die Gedenkstätte Deutscher Widerstand dem einfachen Mann von der Ostalb die erste große Sonderausstellung überhaupt gewidmet. 2003 ist eine Sonderbriefmarke für Elser erscheinen und am 4. November 2019 hat Bundespräsident Steinmeier die Gedenkstätte besucht.

   Am Ende seines Vortrags zieht Ziller zwei Konsequenzen aus dem Elser-Drama: Die Jugend müsse dafür sensibilisiert werden, dass die Demokratie keine Selbstverständlichkeit sei - und die Menschenrechte müssten aktiv verteidigt werden.

   Zu Beginn hatte Rüdiger Walter von der Regionalen Arbeitsgruppe Ostwürttemberg des Vereins „Gegen Vergessen - Für Demokratie“ die zahlreichen Gäste begrüßt. Das Duo Christian Bolz und Tobias Knecht hat auf Saxofon und Gitarren mit nachdenklichen Klängen den angemessenen musikalischen Rahmen gestaltet.

Wolfgang Nußbaumer

(6.11.2023)    

         

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