Über fünf Jahrhunderte alamannischer Besiedlung.

Als attraktives Ausflugsziel für den Urlaub bietet sich das Ellwanger Alamannenmuseums an – hier ein Blick ins Museumsfoyer: Vor Deckengemälde der Marienkapelle von Zöbingen, auf dem die 1161 erfolgte Ausgrabung eines alamannischen Totenbaumes dargestellt ist, ist die Kopie eines weiteren Totenbaums aus Zöbingen zu sehen, welcher 1882 in der Nachbarschaft der Kapelle zutage kam. Als attraktives Ausflugsziel für den Urlaub bietet sich das Ellwanger Alamannenmuseums an – hier ein Blick ins Museumsfoyer: Vor Deckengemälde der Marienkapelle von Zöbingen, auf dem die 1161 erfolgte Ausgrabung eines alamannischen Totenbaumes dargestellt ist, ist die Kopie eines weiteren Totenbaums aus Zöbingen zu sehen, welcher 1882 in der Nachbarschaft der Kapelle zutage kam. (Foto: Museum)

Ein äußerst attraktives Ziel für Unternehmungen in der Urlaubszeit stellt das Ellwanger Alamannenmuseum dar.

   Das von der Stadt Ellwangen eingerichtete und 2001 eröffnete Museum bietet anhand archäologischer Funde aus ganz Süddeutschland einen Überblick über fünf Jahrhunderte alamannischer Besiedlung. Im Mittelpunkt des in der Haller Straße im Gebäude der mittelalterlichen Nikolauspflege direkt an der B 290 untergebrachten Museums steht das nahe gelegene Städtchen Lauchheim, wo in den letzten Jahren nicht nur der größte alamannische Friedhof mit wertvollen Grabbeigaben, sondern auch die zugehörige Siedlung mit einem Herrenhof und reich ausgestatteten Hofgrablegen entdeckt wurde. Ein Glücksfall, der einmalige Einblicke in das Leben in einem frühmittelalterlichen Dorf ermöglichte.

    Von einem neuen, gläsernen „Infoflur“ aus, der direkt in der Haller Straße beginnt, werden die Besucher in das historische Gebäude geleitet. Dieses entpuppte sich im Verlauf des Museumsbaus als ein baugeschichtliches Kleinod von besonderem Rang. Es zeigte sich nämlich, dass das Haus viel älter ist, als man zunächst dachte. Die dendrochronologische Untersuchung der hölzernen Hausbalken ergab als Erbauungsjahr das Jahr 1593. Damit handelt es sich um eines der ältesten Armen- und Siechenhäuser Südwestdeutschands, wenn nicht gar um das älteste noch erhaltene Haus dieser Art in Süddeutschland. Das Gebäude wurde demnach, zumindest in seiner jetzigen Form, unter dem Ellwanger Fürstpropst Wolfgang von Hausen errichtet, dessen Wappen auch die Außenfassade der Nikolauspflege ziert und während dessen Regentschaft in den Jahren 1584 bis 1603 eine rege Bautätigkeit in Ellwangen nachgewiesen ist

    Im Alamannenmuseum wird die Zeit der Alamannen auf vielfältige Weise wieder lebendig. Vier Themenschwerpunkte sind es, die hier besonders vertieft werden, und zwar mit Forschungsergebnissen, die zum Teil erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt werden: Weben und Textilhandwerk bei den Alamannen, das Holzhandwerk der Alamannen, alamannische Gold- und Silberschmiedearbeiten sowie die Bedeutung der Alamannen als die ersten Christen in Süddeutschland. Neben zahlreichen archäologischen Originalfunden gibt es im Museum auch Inszenierungen zu verschiedenen alamannischen Lebenssituationen in Originalgröße, interaktive Medien mit Bildschirmen und bewegten Bildern sowie zahlreiche Ausstellungselemente zum Anfassen und Mitmachen. Auch der Museumsgarten mit der dahinterliegenden mittelalterlichen Nikolauskapelle ist in das Museumskonzept eingebunden.

    Im Erdgeschoss beginnt der Museumsrundgang mit einem teilrekonstruierten alamannischen Grubenhaus aus Lauchheim mit Webstuhl. Ein durchgehendes, nach oben bis unter das Dach geöffnetes Treppenhaus verbindet alle drei Ausstellungsebenen miteinander. Während im Erdgeschoss die frühe Alamannenzeit, die Zeit der Völkerwanderung, thematisiert wird, geht es in den oberen Stockwerken um die Merowingerzeit ab etwa 500, als Alamannien ein fränkisches Herzogtum war. In diese Zeit fällt auch die frühmittelalterliche Besiedlung in Lauchheim mit dem Gräberfeld Wasserfurche von etwa 460/470 bis 680 und der zugehörigen Siedlung Mittelhofen, die bis ins 12. Jahrhundert fortbestand. Zu den besonderen im Alamannenmuseum ausgestellten Funden gehören Goldblattkreuze aus dünner Goldfolie, die als die ersten christlichen Symbole in Süddeutschland zu werten sind, wie auch die so genannten Totenbäume (Baumsärge), die zum Teil mit doppelköpfigen Schlangen verziert sind. Den Auftakt bildet im Erdgeschoss eine Inszenierung mit dem berühmten Deckengemälde aus der Wallfahrtskirche in Zöbingen, auf dem die 1161 erfolgte Ausgrabung eines solchen Totenbaumes dargestellt ist – es handelt sich, wenn man so will, um den frühesten belegten archäologischen Fund Süddeutschlands.

    Abgerundet werden die Museumsaktivitäten durch laufende Sonderausstellungen, vielfältige museumspädagogische Angebote für Kinder wie für Erwachsene sowie durch Vortragsveranstaltungen und ähnliche Museumsprogramme. Nach dem Museumsbesuch laden die Cafeteria und der Museumsshop zum Verweilen ein.

 

Fische und Vögel

 

   Der langgestreckte Infoflur hinter der Eingangstür führt, ohne dass der moderne Bau aus Beton und Glas an eine Museumsausstellung erinnern würde, zwanglos auf das Museumsthema hin. An der langgestreckten Wand hängen große Fische und Vögel, die alamannischem Goldschmuck nachempfunden sind. Die Tiere wurden wie entsprechende Grabfunde aus dem Raum Zürich gestaltet, in der Fischform lässt sich die christliche Prägung ihrer Träger ablesen. Das Ensemble der ziehenden Fische und Vögel steht als Sinnbild für die Völkerwanderung, denn in der Völkerwanderungszeit beginnen die Alamannen, Süddeutschland zu besiedeln.

   In den „Bullaugen“ einiger Fische sind erste Exponate zu entdecken, beim Nähertreten werden sie durch Stimmen von „Alamannen“ und „Alamanninen“ erklärt. Das hier ausgestellte Spektrum reicht von einer spätrömischen Germanensiegmünze aus dem Jahr 280 bis zu einem frühen christlichen Bronzekreuzanhänger von Lauchheim aus der Zeit um 600-650 und verdeutlicht die lange Dauer der alamannischen Besiedlung, die von der Römerzeit bis ins frühe Mittelalter hinüberreicht. Dazwischen sehen wir drei Bronzepfeilspitzen aus einem Kriegergrab der Zeit um 400-430 von Leutkirch, eine eiserne Pferdetrense aus einem Adelsgrab von Lauchheim um 660-680 und eine Bronzeamulettscheibe mit vier kreuzförmig angeordneten Menschenfiguren aus einem Frauengrab von Kirchheim am Ries vom Beginn des 7. Jahrhunderts. Bis auf die Münze sind es Kopien, die Originale der Pferdtrense und des Bronzekreuzchens sind im Dachgeschoss ausgestellt. Zwischen den Tieren befinden sich vergrößerte Runenritzungen aus alamannischen Fundzusammenhängen an der Wand.

   Am Ende des Infoflurs ist die Museumstheke und die angegliederte kleine Cafeteria angeordnet. Die Garderobe befindet sich schräg gegenüber am Ausgang zum Museumsgarten. Hier im Museumsfoyer stehen zwei Großexponate, die, obwohl aus unterschiedlichen Zeiten stammend, ganz bewusst für die Einführungssequenz der Museumsaustellung gewählt wurden. Es handelt sich um einen römischen Altar und einen alamannischen Baumsarg.

 

Siegesaltar von Augsburg

 

   Der 1992 in Augsburg gefundene Siegesaltar von Augsburg, hier als Kopie zu sehen, zeigt auf seiner rechten Seite einen gefesselten Germanen, der vor Victoria, der Siegesgöttin, kniet. Auf der linken Seite ist der Kriegsgott Mars abgebildet. Ursprünglich trug der Altar wohl einen Aufsatz aus Bronze, der die oberste Schriftzeile verdeckte. Diese stammt von einer älteren Inschrift – man hatte den Stein schlicht umgewidmet! Der am 11. September 260 aufgestellte Altar soll an den im April desselben Jahres errungenen Sieg der Römer über die „Barbaren des Stammes der Semnonen oder Juthungen“ erinnern. Zu dieser Zeit erbebte das römische Reich. Kaiser und Gegenkaiser schürten die innerrömischen Auseinandersetzungen, banden Truppen und sorgten so für eine politisch instabile Situation auch in den Grenzprovinzen. Dies bedeutete geradezu goldene Zeiten für germanische Plünderungszüge. Die in der Inschrift genannten Germanen wurden auf dem Rückweg von einem bis nach Italien reichenden Plünderungszug angegriffen, infolgedessen sie auch römische Geiseln mit sich führten. Die nachträglich gelöschten Zeilen am Ende der Inschrift lassen erkennen, dass hier zunächst der römische Gegenkaiser Postumus (260-269) genannt war, welcher in Köln saß. Demnach zählte Augsburg und die römische Provinz Rätien im Jahre 260 vorübergehend zu dessen Machtbereich. Später fiel die Provinz an Kaiser Gallienus (260-268) zurück, woraufhin alle Hinweise auf Postumus aus der Inschrift getilgt wurden. Die Inschrift veranschaulicht, wie zur damaligen Zeit die Strafe der „Damnatio memoriae“ praktiziert wurde, derzufolge in Ungnade gefallene Personen aus dem öffentlichen „Gedächtnis“ gestrichen wurde. Die Römer zogen sich aus Südwestdeutschland zurück, handelten aber weiter strategisch, indem sie den von Norden heranrückenden Germanen die frei werdenden Gebiete nach und nach zur Besiedlung überließen. Per Vertrag versuchten Sie die ehemaligen Feinde zu Verbündeten zu machen. Der einst starke Limes begann zu zerfallen.

   Von dem zeitgenössischen Chronisten Asinius Quadratus ist überliefert, bei den Alamannen handele es sich um „zusammengespülte und vermengte Menschen“, was auch der Name bedeute. Die Römer nannten sie „Alamanni“. Ein germanischer Name, der so viel wie „Menschen oder Männer insgesamt“ bedeutet. Menschen unterschiedlichster germanischer Stämme aus dem Elbe-Saale-Gebiet, die in losen Personenverbänden, ohne politische Einheiten zu bilden, von Elbe, Havelland, Thüringer Becken und Böhmen gekommen waren. Im Wesentlichen waren es Sueben („Schwaben“), Semnonen und Juthungen, die nun nach und nach die ehemals römischen Gebiete rechts des Rheins besiedelten und dort zum Stammesbund der Alamannen zusammenwuchsen. Die Inschrift des Augsburger Siegesaltars aus dem Jahr 260 erwähnt die Juthungen, eine Art „Jungmannschaft“, die – das legt der Text nahe – aus dem suebischen Teilstamm der Semnonen hervorging. Der Name bedeutet so viel wie „Nachkommen, Abkömmlinge“ und ist in Süddeutschland der einzige für das 3. Jahrhundert genannte Stammesname. Nach einer Niederlage gegen römische Truppen im Jahr 430 fanden sie nie wieder Erwähnung. Sie wurden zu Alamannen.

 

Totenbaum aus Zöbingen

 

   Mitten in die Zeit der Alamannen leitet das zweite Großexponat dieses Raumes über. Bei den alamannischen Bestattungen des 6. und 7. Jahrhunderts fanden häufig Baumsärge, die so genannten Totenbäume, Verwendung. Sie wurden aus längs gespaltenen und ausgehöhlten Eichenstämmen hergestellt. Einige der alamannischen Totenbäume sind auf dem Deckel mit einer geschnitzten doppelköpfigen Totenschlange verziert, einem zu dieser Zeit weit verbreiteten Symbol. Die Schlange war wegen ihres besonderen Äußeren stets Gegenstand unheilabwehrender Rituale und galt als dämonisch und gefährlich, aber auch als klug, heil- und zauberkräftig. Da sie sich durch ihre jährlichen Häutungen zu verjüngen schien, wies man ihr Unsterblichkeit zu. Auch in der germanischen Mythologie spielte sie eine große Rolle. Die älteste überlieferte Entdeckung eines Baumsarges im süddeutschen Raum wird auf 1161 oder 1261 datiert. Der in Zöbingen gefundene und noch heute dort aufbewahrte Sarg, nebst Äpfeln als Grabbeigaben, hatte sich durch seine Lage in einer grundwasserführenden Bodenschicht besonders gut erhalten. An den Fund erinnert eine Szene auf barocken Deckengemälde der Marienkapelle von Zöbingen, die an der Nordwand des Museumsfoyers reproduziert ist. Vor diesem Wandgemälde ist die Kopie eines weiteren Totenbaums aus Zöbingen zu sehen, der 1882 in der Nachbarschaft der Marienkapelle zutage kam und sich heute im Besitz des Stadtmuseums in Nördlingen befindet.

 

   Nähere Informationen im Internet unter www alamannenmuseum-ellwangen de.

 

Letzte Änderung amMontag, 01 August 2022 16:07
Nach oben

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.