Der „Götterfunken“ zündet Empfehlung

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Ein großes Musikerlebnis im Münster: Hannes Reich dirigiert Beethovens "Neunte". Ein großes Musikerlebnis im Münster: Hannes Reich dirigiert Beethovens "Neunte". Foto: Hartmut Hientzsch

Spannung liegt an diesem Abend in der etwas stickigen Luft im Gmünder Münster.

   Der durch den Freiburger Bachchor verstärkte Bosch-Chor Stuttgart und das Bosch-Sinfonieorchester haben ihre Plätze eingenommen. Und warten. Mit ihnen das EKM-Publikum, das auf Beethovens legendäre „Neunte“ gespannt ist.

   Hat Dirigent Hannes Reich den Zug verpasst? Plagt die Gesangssolisten plötzlich das Zipperlein? Oder fehlt der Mann für das Startsignal? Da kommt OB Richard Arnold zusammen mit dem Bosch-Geschäftsführer Stefan Grosch nach vorne, um die Zuhörerinnen und Zuhörer zu begrüßen. Bei der Gelegenheit erfährt man, dass Bosch-Chor und Orchester 1936 beim 75. Geburtstag des Firmengründers zum ersten Mal gemeinsam aufgetreten sind.

   Diese lange Zeit des gemeinsamen Musizierens in natürlich altersbedingt wechselnder Besetzung schlägt sich in blindem Verständnis nieder. Das kommt der Aufführung dieses monumentalen Werkes zugute. Hannes Reich leitet sie mit großer Gestik, die aus spürbarer Leidenschaft erwächst.

   Schon im ersten Satz hat er alle Hände voll zu tun, um Ordnung in das komplexe Mit-, Gegen- und Durcheinander mit seinen aufbrausenden Crescendi zu bringen, das Beethoven in bis dato nicht gekannter Mixtur zusammengemischt hat. Aus diesem geordneten Chaos heraus entwickelt sich dann das große Ganze, das in der „Ode an die Freude“ kulminiert. Doch bis dahin sind noch 80 Minuten voll farbenreichster Musik zu durchmessen, in der die tiefen Streicher die Palette wesentlich mitbestimmen.

   Im zweiten Satz scheint Ordnung eingekehrt. Aus dem Motiv heraus schwingen sich die Klänge zu einer heiteren Unbeschwertheit auf, bevor sie durch abgründige Raserei gekontert werden. Keine Spur von Verschnaufpause. Sie gestattet sich Ludwig van Beethoven erst in dem genussvoll dahinschreitenden Adagio mit seinem nuancierten Cantabile.  Wobei er im folgenden Andante schon wieder Fahrt aufnimmt.

   Gas geben ist ganz im Sinne des Dirigenten. Im ausgedehnten Finale ballt Hannes Reich Chöre und Orchester zum geballten Ausdruck beschwörend immer wieder die linke Hand zur Faust, während die Rechte mit dem Dirigierstab die Musik förmlich in die Luft schreibt. Da geht die Post ab; langsame Steigerungen immer wieder hin zur rasenden instrumentalen Klimax.

   Den tiefen Streichern bleibt es vorbehalten, das Thema „Freude schöner Götterfunken“ ins Spiel zu bringen. Und gemeinsam mit dem großen Chor intonieren sie unisono das „Seid umschlungen Millionen“, das fortan mit dem „Götterfunken“ korrespondiert.

   Zeit für die solistischen Glanzlichter, die der mit großer Stimme ausgestattete Bariton Christian Henneberg, der Tenor Philipp Niklaus sowie der glockenhelle Sopran von Elisabeth Jehle und das schon ausgewogene Organ ihrer jungen Kollegin Julia Werner der finalen Apotheose aufsetzen. Das begeisterte Publikum dankt mit „Standing Ovations“.

   Das Festival Europäische Kirchenmusik steht in diesem Jahr unter dem Motto „Vision Europa“. Angesichts aller äußerer Umstände, die diese Vision angreifen, zählt diese Zeile aus dem Schluss-Chor umso mehr: „Alle Menschen werden Brüder…“

 

Wolfgang Nußbaumer 

(01.08.2022)

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