Zwischen „Dunkelblau“ und „Dunkelrot“ Empfehlung

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Hubert von Goisern gibt mit seiner Ziehharmonika alles; voll Hingabe assistiert von Severin Trogbacher. Hubert von Goisern gibt mit seiner Ziehharmonika alles; voll Hingabe assistiert von Severin Trogbacher. Foto: Schloss Kapfenburg

Ein Abend zwischen „Dunkelblau“ und „Dunkelrot“, ein Abend zwischen hartem aggressivem Rock und sanftzärtlicher Poesie. Ein unvergesslicher Abend mit Hubert von Goisern und seinen hingerissenen Fans auf Schloss Kapfenburg.

   Beim lang ersehnten Wiedersehen will der Österreicher seinen bis aus Deutschlands hohem Norden angereisten Fans in die Augen sehen. Frontal. Deshalb musste das Team von Akademiedirektor Moritz von Woellwarth die Tischreihen abbauen und Sitzbänke aufstellen.  Wer wollte nicht der Einladung des sympathischen Alpenrockers folgen „setz di her zu mir“ „An soam Tag wie heit“. So ein Tag, wie er ihn in seinem neuen Album „Zeiten&Zeichen“ beschreibt, dürfte so schnell nicht wiederkommen. So ein Tag, an dem alles stimmt.

   Wenn er im Lied „El Ektro“ mit pfeffriger Stimme behauptet „Ich will nicht tanzen“ sollte man ihm das nicht glauben; später wird er sich wiederholt mit dem Saitenrastelli Severin Trogbacher zum Pas de deux treffen, bei dem das Akkordeon, das er ebenso glänzend wie Gitarre und Trompete spielt, kein bisschen stört. Hubert von Goisern versteht sich blind mit seiner jungen Truppe, mit der er ein stilistisches Feuerwerk zündet. Falls er nicht gerade erzählt. Wie er den Text des Liebesliedes „Dunkelblau“ korrigiert hat, weil seine Frau die erste Fassung mit „Schad!“ kommentiert hat. Die Melodie jedenfalls lässt seine „Königin der Nacht“ erstrahlen.

   Von den Einzellern, auf die sich sein vor zwei Jahren verstorbener und sich erst beim Streiten so richtig harmonisch wohl fühlender Freund Willy wissenschaftlich spezialisiert hat. Oder vom Grönlandhai, der in der kalten Tiefe bis 500 Jahre alt werden kann und erst mit 200 Jahren geschlechtsreif ist. Klar, dass er Mensch und Tier jeweils ein Lied gewidmet hat. Dem Willy einen kantigen Jodler und dem Fisch - natürlich - ein ganz langsames Schmankerl. Textlich ähnlich an Joachim Ringelnatz erinnert das Lied vom Eisbären, der dringend „Eiweiß“ braucht. Damit hat sich’s schon - fast möchte man sagen zum Glück - mit lustig.

   Düster, dumpf und heavy metallen taucht ein „Brauner Reiter“ auf. Von Goiserns Lieblingsfeind. Dem er eindringlich bedeutet: „Dein Pferd, es will nicht weiter.“

   Der Rockpoet hat sein neues Album produziert, als Ende 2019 noch alles in der Balance zu sein schien. Aber eigentlich, so meint er, „hat schon nichts mehr gestimmt.“ Das geht einem häufig erst später auf. „Manchmal verbirgt sich mir die Zeit“, singt er in dem balladesken „Future Memories“ und intoniert die Melodie auf der gestopften Trompete.

   Tieftraurig das epische „Freunde“, zu dem aus dem Off Franz Lehárs Operettenhit „Freunde, das Leben ist lebenswert“ plärrt. Der mit den Nazigrößen befreundete Komponist ließ seinen Freund und Kompagnon Fritz im Stich, als man den Juden nach Auschwitz in den Tod deportierte. Von Goisern enttarnt vermeintliche Ehrenmänner ebenso gerne, wie es vor ihm schon seine Brüder im Geiste Wolfgang Niedecken und Konstantin Wecker getan haben. Da passt das hammerharte „Sünder“ dazu, mit dem Hubert von Goisern den Schlusspunkt setzt. „Koana woaß, wie lang’s die Welt no geb’n wird.“

   Mit dieser deprimierenden Aussicht will der 69-Jährige seine Fans dann doch nicht nach Hause gehen lassen. „Du bist so weit weg, so weit weg von mir“ sorgt für verträumte Gesichter und feuchte Augen, bevor der Barde sich beifallumtost mit „Heast es nit“ verabschiedet. Um dann doch nochmals wiederzukommen. Er schnappt sich die Klampfe, nimmt auf einem Hocker Platz und singt „Dunkelrot“, ein zum Weinen schönes Liebeslied. „Kommt gut nach Hause“, wünscht er dann noch und geht. Die Erinnerung bleibt! 

Wolfgang Nußbaumer

(27.07.2022)

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