Am Straßenrand der Geschichte Empfehlung

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Markus Grill (r.) im Gespräch mit dem Publizisten Stefan Aust. Markus Grill (r.) im Gespräch mit dem Publizisten Stefan Aust. Foto: -uss

„unser Leben ist ein bilgerfahrt“ hat Geiler von Kaysersberg anno 1520 in seinem „Narrenschiff“ geschrieben. Sein Leben eine beschwerliche Reise? Da winkt Stefan Aust entschieden ab.

   Im Gegenteil. Es hat bisher fast immer Spaß gemacht; so schildert der Publizist auf die Fragen von Markus Grill hin im KuBAA in Aalen seinen journalistischen Werdegang. Privates mag er nicht gerne erzählen, wie man auch seinem Buch „Zeitreise. Die Autobiografie“ entnehmen kann. Er stand und steht viel lieber „als ›so eine Art Journalist‹, wie ich immer gern gesagt hatte, am Straßenrand der Geschichte.“ Zu Beginn hat Bürgermeister Karl-Heinz Ehrmann die beiden als „zwei Journalisten, die in der Tradition Schubarts stehen“ vorgestellt.

    „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“, weiß das Sprichwort. Der Mann, der 14 Jahre lang als Chefredakteur den „Spiegel“ geprägt hat und seit 2014 Herausgeber der Tageszeitung „Die Welt“ ist, hat viel zu erzählen seit er als Gymnasiast in der Hansestadt Stade für die Schülerzeitung „Wir“ gearbeitet hat. Wolfgang Röhl, der jüngere Bruder des Herausgebers der Zeitschrift „Konkret“, Klaus Rainer Röhl, und Schubartpreisträger (2005) Henryk M. Broder waren damals ebenfalls mit im Boot. Bei der Besetzung verwundert es nicht, dass die Zeitung Krach mit der Schulleitung bekommen hat und fortan nur noch außerhalb des Schulgeländes verkauft werden durfte. Davon bekam das Politikmagazin „Panorama“ Wind - und Aust erschien mit 17 zum ersten Mal im Deutschen Fernsehen.

   Drei Jahre später landet er bei „Konkret“. „Ich war dort Mädchen für alles“, verrät er seinem aufmerksam lauschenden Publikum. Weil das so war, hat man ihn auch sehr gut bezahlt. Hätte er jedoch gewusst, dass die linke Postille in den Anfängen von der DDR finanziert worden war, hätte er bestimmt nicht bei ihr angeheuert, versichert er. Was Markus Grill fragen lässt: „Waren Sie überhaupt links?“ Die klare Antwort: „Nein“. Kein Wunder, dass ihn die Chefredakteurin Ulrike Meinhof als unpolitisch eingestuft hat. Im Gespräch mit Markus Grill charakterisiert er die Ehefrau von Klaus Rainer Röhl als hoch intelligente Frau, die durch ihre Auftritte im Fernsehen und Radio bundesweit sehr bekannt war.

Die bleierne Zeit

   Wenn von ihr, die als RAF-Gründungsmitglied für Schlagzeilen gesorgt hat, die Rede ist, fällt zwangsläufig der Name von Gudrun Ensslin. Womit man im Ostalbkreis gelandet war. Die Tochter eines evangelischen Pfarrers wurde in Bartholomä geboren, engagierte sich später in Berlin in der APO (Außerparlamentarische Opposition) und wurde schließlich zusammen mit Andreeas Baader und anderen nach einer Kaufhaus-Brandstiftung in Frankfurt am Main inhaftiert. Auch sie hat sich zusammen mit den anderen RAF-Mitgliedern in Stammheim selbst umgebracht. Stefan Aust hat in seinem mehrfach überarbeiteten Standardwerk „Der Baader-Meinhof-Komplex“ „Die bleierne Zeit“ (so der Titel eines Spielfilms von Margarethe von Trotta) dieser Siebzigerjahre umfassend aufgearbeitet.

   Auf seiner Zeitreise hatte es Stefan Aust wiederholt mit Anwälten zu tun. Als Betroffener und weil er sie interviewt hat. Mit leichtem Lächeln erinnert er sich, dass der spätere deutsche Innenminister Otto Schily geglaubt habe, er stehe der DKP nahe. Nur weil er sich in Artikeln gegen die Berufsverbote eingesetzt hatte. Besonders schillernd die Person Horst Mahler. Ihn hat er zweimal im Gefängnis besucht. Beim ersten Mal war Mahler als Gründungsmitglied der RAF wegen Bankraubs inhaftiert, beim zweiten Mal hatte sich der Paulus zum Saulus gewandelt und saß unter anderem als Holocaustleugner hinter Gittern.

   Weitere Stationen seiner Zeitreise waren die Enttarnung des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger als Militärrichter der Kriegsmarine, der Todesurteile gefällt hat; eine Recherche bei dem Fälscher der Hitler-Tagebücher, Konrad Kujau, und der Selbstmord von Uwe Barschel in einem Hotel in Genf. Stefan Aust hat erhebliche Zweifel an der Selbstmordthese. Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein sein in Waffengeschäfte involviert gewesen, deren Offenlegung vor einem Untersuchungsausschuss fatale Folgen hätte haben können. Nach seiner Einschätzung könnte der südafrikanische Geheimdienst Barschel umgebracht haben.

Sieben tolle Jahre

   Dieses Bekenntnis dürfte nicht wenige seiner Zuhörerinnen und Zuhörer überrascht haben. Die sieben Jahre, als er für das Reportage-Magazin „Spiegel-TV“ verantwortlich gezeichnet hat, haben ihm in seinem Berufsleben „am meisten Spaß gemacht“. Immerhin hat dieses Privatfernsehen in seinen Spitzenzeiten rund 4,3 Millionen Menschen vor die Mattscheibe gelockt. Wie schätzt er die politischen Magazine heute ein? Ast lächelt milde. Es geht so. Allerdings seien die Zeiten einst auch anders gewesen.

   An Putin kommt man auch an diesem Abend nicht vorbei. Er hatte mit dem Kremlherrscher zu tun, als er Teile des berühmten Bernsteinzimmers nach St. Petersburg gebracht hat. Aust erinnert sich, dass er zwar viel mit Putin geredet habe, dieser jedoch zu keinem Interview bereit gewesen sei. Er war verschnupft, weil er in einer „Spiegel“-Geschichte nicht so gut weggekommen war.

   Getrübt ist auch das Verhältnis zum früheren Bundeskanzler und heutigen Putin-Freund Gerhard Schröder. Dieser, verrät Aust, hat dem „Spiegel“ vorgeworfen, ihn abgeschossen zu haben. Gleichwohl sei er zur Feier seines 60. Geburtstages gekommen. Sich als Politiker mit diesem Magazin zu überwerfen, war und ist nicht klug.

   Ist er nun 15 Jahre später konservativer geworden? Keineswegs, meint Aust. Seine Grundpositionen habe er nie geändert. Weshalb es nur logisch ist, dass er nun bei der „Welt“ den Hut auf hat.

Auf dem Rücken der Pferde

   Nochmals wird Putin an diesem sehr unterhaltsamen und kurzweiligen Abend zum Stichwort. Jetzt als Kriegsherr. Ein so mulmiges Gefühl, wie der Einmarsch in die Ukraine bei ihm hervorgerufen hat, war ihm bisher fremd, bekennt der Publizist. Die Gefahr sei groß, dass diese Geschichte aus dem Ruder laufe - „eine hochgefährliche Situation“. Mit dieser düsteren Perspektive will Moderator Markus Grill das Gespräch nicht schließen. Er liest aus dem Buch von Stefan Aust die Passage vor, in der er schreibt, wie der Pferdenarr seine Frau lieben gelernt hat. Bei einem gemeinsamen Ausritt 1982. Seitdem sind sie zusammen und haben zwei Töchter.

   Nach dem herzlichen Beifall hat Stefan Aust alle Hände voll zu tun, die Bücher zu signieren, die seine Fans auf ihre eigene Zeitreise als anregende Lektüre mitnehmen wollen.

   Stefan Aust: Zeitreise. Die Autobiografie; Piper 2021  

 

Wolfgang Nußbaumer 

         

   

  

  

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