Unterwegs in der Zwischenwelt Empfehlung

Mit gekoppelten Projektionen auf mehrere Wände wird der Raum von Manfred P. Kages visuellen Bilderwogen geflutet. Mit gekoppelten Projektionen auf mehrere Wände wird der Raum von Manfred P. Kages visuellen Bilderwogen geflutet. Foto: -uss

Das Wetter hat zur Nachtseite der Ausstellung FANTASMA gepasst. Doch der strömende Regen konnte nicht verhindern, dass selbst Stehplätze bei der Vernissage Donnerstagabend im Untergröninger Schloss knapp wurden.

   Als kundige Führerin bei der Reise zwischen zwei Zuständen der bildenden Kunst, der wirklichkeitsgetreuen Abbildung und speziell bei dieser Ausstellung den „Fantasmen, die uns in eine undefinierbare Zwischenwelt der Realität führen“, hat die Kuratorin und zweite Vorsitzende des Kunstvereins KISS, Heidi Hahn, den Gästen die fantastische Schau nähergebracht.

    Die rund 200 Arbeiten von 30 Künstlerinnen und Künstlern nähern sich dieser Zwischenwelt auf vielfältige und zum Teil spektakuläre Weise an.  Ein besonders begnadeter Radaubruder ist der Franzose Daniel Depoutot. Er lässt nicht nur Skelette ihre grotesken Totentänze aufführen, sondern „El Diavolo!“, eine dunkelrote Liegestuhlkonstruktion, die sehr an ein Folterwerkzeug erinnert, laut klappen - sofern jemand auf einen Schalter am Türrahmen drückt. Das Unheimliche müssen wir schon selbst in Gang setzen. 

   Der Bild gewordene Gegenentwurf zu dieser Kakophonie aus Zivilisationsmüll sind die Gemälde von Anna Bittersohl. In Heidi Hahns Interpretation führen sie „in dicht bewachsene, teils von Figuren bevölkerte, multiple Landschaften, die den Betrachtenden nach und nach ihre gewohnten Standpunkte und Sehgewohnheiten entziehen“. Mit ihrer signifikanten Farbigkeit korrespondieren sie mit den monumentalen, landschaftlichen, einfach atemberaubenden Papiercollagen der Basler Künstlerin Sabine Hertig.

   Auf andere Weise tun dies auch die großformatigen Röntgenfotografien des Briten Nick Veaseys mit den intensiv fleischigen Metamorphosen zwischen Alien und Schmetterling der Österreicherin Susanne Kircher-Liner. Zu diesem Kontext gehört weiter die Videoarbeit „never call me mensch again“ von Jeremias Heppeler und Johanna Mangold, die die Auflösung des Individuums im Algorithmus schildert. Zu den absoluten Blickfängen zählen ferner die „spannungsgeladenen Ensembles“ des Stuttgarter Fotografen Uwe Ditz, der „Parallelen zur späten Renaissance wie zur aktuellen Gesellschaft schafft, in der das Leben der Menschen von existenzieller Angst bestimmt war und heute wieder ist“, sowie die meisterhaften, symbolträchtigen Malstücke von Robert Matthes.

 

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Was wollen diese skurrilen "Totentänzer" Daniel Depoutots den Betrachterinnen wohl sagen?

   Als Ikone dieser Ausstellung darf sein großformatiges Tafelbild „Such a lovely place“ gelten. Der an der Universität Duisburg-Essen lehrende Maler hat sich dazu vom Schicksal des französischen Jesuitenpredigers Nicolas Beauregard inspirieren lassen, der nach der französischen Revolution im Schloss Untergröningen seine letzten Zufluchtsstätte gefunden hat. Auf dem Bild sitzt er als Leidensgestalt links in einer Kammer, um die herum sich ein farblich und formal überbordendes Treiben eines fantastischen, ambivalenten Figurenarsenals tummelt. Lust und Schrecken gehen Hand in Hand.

   Viel gäbe es noch zu erwähnen; wie die gehäkelten schwarzhumorigen Märchengestalten von Patricia Waller, die „Menschentiere oder Tiermenschen“ des Belgiers Pieter Lerooij - im Wortsinn beißende Satire mit Augenzwinkern, oder die Arbeiten der italienischen Künstlerin Daria Petrilli. Wie Heidi Hahn erläutert, „re-modelliert sie Fotografien mit digitalen Maleingriffen zu Collagen, die den Zauber der italienischen Renaissance gekonnt mit der Underground-Sprache des Pop-Surrealismus mischen.“ Nicht zu vergessen die fesselnde holografische Installation des Abtsgmünders Daniel Bengesser, und die Lichtrauminstallationen des Pioniers Manfred P. Kage. Wären da noch die beiden Augen, die einen aus der Schwärze des Katalogcovers so intensiv wie unergründlich ansehen. Sie hat Richard Allrich aus München fotografiert.

    Zurecht schwärmt Landrat Dr. Joachim Bläse von dieser „wunderbaren, fantastischen Ausstellung“. Ein wichtiger Gegenpol zu den „Alptraumwelten, die uns zurzeit tagtäglich begegnen“. Die Kunst könne helfen, den Horizont zu weiten. Das ist auch das Ziel des multitalentierten Gitarristen Daniel Bengesser, der zusammen mit dem Schlagzeuger Steffen Köble den angemessenen musikalischen Schlusspunkt setzt. 

     Info: Die Ausstellung FANTASMA ist bis 31. Juli Sa 14-18 Uhr, So + Feiertag 11-18 Uhr geöffnet. Sie wird durch ein großes Begleitprogramm ergänzt, Näheres dazu auf www.kiss-untergroeningen.de 

 

Wolfgang Nußbaumer      

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